2 + 2 = 4

Warum wir eine neue Aufk­lärung benöti­gen

Fol­gt man dem poli­tis­chen und medi­alen Main­stream in Deutsch­land, dann leben wir in ein­er freien, demokratis­chen und aufgek­lärten Welt. Unser Wirtschaftssys­tem ist sta­bil und bringt den Segen der Indus­tri­al­isierung und des nach­fol­gen­den all­ge­meinen Wohl­stands auch in den let­zten Winkel der Erde. Derzeit haben wir zwar ein kleines Prob­lem mit dem Kli­mawan­del, doch in Zukun­ft nutzen wir haupt­säch­lich regen­er­a­tive Energi­eträger und fahren alle Elek­troau­tos. Die einzige Gefahr für „die Art, wie wir leben“ kommt von außer­halb. Böse islamistis­che Ter­ror­is­ten bedro­hen nicht nur die mus­lim­is­che Hemis­phäre, son­dern attack­ieren auch immer wieder unschuldige Zivilis­ten in Europa und den USA. Doch unsere Demokra­tien sind wehrhaft. Wir ver­stärken die Überwachung, um jeden Anschlagsver­such zu vere­it­eln, und machen mit unserem Mil­itär an der Seite der USA den bösen Ter­ror­is­ten in ihren Heimatlän­dern den Garaus. Ganz neben­bei bieten wir auch noch den Russen Paroli, die nach dem Zer­fall der Sow­je­tu­nion nun wieder außen­poli­tisch expandieren wollen.

Die Welt aus Sicht des poli­tis­chen und medi­alen Main­streams in der west­lichen Hemis­phäre

Viele Men­schen haben jedoch mit­tler­weile das Gefühl, dass irgen­det­was in der Welt nicht stimmt. Vie­len fällt es schw­er zu glauben, dass ein ein­fach­es „Weit­er so“ zu ein­er pos­i­tiv­en Zukun­ft führen wird. Die schw­er zu bändi­gende Atom­en­ergie mit fol­gen­schw­eren Reak­torun­fällen sowie die weltweite man­gel­nde Abkehr davon sind ein Sig­nal. Mil­itärische Aufrüs­tung, Atom­waf­fen und ein neuer kalter Krieg zwis­chen den immer noch bis an die Zähne bewaffneten ehe­ma­li­gen Kon­tra­hen­ten USA und Rus­s­land bedro­hen weit­er­hin die Exis­tenz der gesamten Men­schheit. Die Verän­derun­gen des men­schengemacht­en Kli­mawan­dels haben mit­tler­weile eine Geschwindigkeit erre­icht, in der wir ihre Auswirkun­gen haut­nah spüren kön­nen, und obwohl uns die fatal­en Fol­gen dieser Entwick­lung bewusst sind, sehen wir, dass der weltweite Ver­brauch von fos­silen Brennstof­fen weit­er­hin kon­tinuier­lich ansteigt. Die Schere zwis­chen Arm und Reich wird beson­ders in den Wohl­stand­slän­dern immer größer, und Speku­la­tions­blasen erschüt­tern unser Wirtschaftssys­tem. All dies sind Anze­ichen ein­er äußerst neg­a­tiv­en Entwick­lung. Doch der Einzelne ste­ht ohn­mächtig davor und weiß nicht, was die eigentlichen Ursachen sind und wie man diesen immensen glob­alen Bedro­hun­gen beikom­men kann.

George Orwell ver­wen­dete den Aus­druck „2 + 2 = 5“ in sein­er düsteren Dystopie „1984“, um die Macht eines total­itären Regimes zu verdeut­lichen, selb­st das Ergeb­nis ein­fach­er logis­ch­er Zusam­men­hänge nach Belieben verän­dern zu kön­nen. Während des Mit­te­lal­ters kon­nte die Kirche Zwei­fler an der reinen katholis­chen Lehre der Ket­zerei bezichti­gen und in der Hochzeit der Inqui­si­tion foltern und umbrin­gen. Selb­st Wis­senschaftler, die nach­weisen kon­nten, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, mussten mit der Todesstrafe rech­nen. Erst das Zeital­ter der Aufk­lärung bere­it­ete diesem Spuk ein Ende. Die Aufk­lär­er set­zten auf den gesun­den Men­schen­ver­stand und die Fähigkeit eines Jeden, ein­fache, logis­che Oper­a­tio­nen durch­führen zu kön­nen, wie zum Beispiel die Addi­tion von zwei und zwei. Gegen die Kirche und ihre welt­fremde Indok­tri­na­tion haben sie gewon­nen. Heute glauben wir, in ein­er aufgek­lärten Gesellschaft zu leben, in der Ver­nun­ft und gesun­der Men­schen­ver­stand die ober­sten Leitlin­ien des sozialen Zusam­men­lebens darstellen. Bei dem Wort Total­i­taris­mus denken wir an den Faschis­mus in Deutsch­land und Ital­ien in den 1930er und 40er Jahren oder an den Kom­mu­nis­mus in der Sow­je­tu­nion. Dass auch der Neolib­er­al­is­mus Züge ein­er total­itären Ord­nung in sich trägt, ist für die meis­ten Men­schen ein absur­der Gedanke.

Die Ursachen der aktuellen Missstände ken­nen wir längst

Allerd­ings nur impliz­it. Jed­er weiß, dass eine demokratis­che Entschei­dung in ein­er Fam­i­lie durch das Fam­i­lienober­haupt über­stimmt wer­den kann, und ist sich auch bewusst, dass dies keine echte Demokratie ist. Jed­er, der schon ein­mal ein Com­put­er-Strate­giespiel gespielt hat, weiß, dass der­jenige, der sich am schnell­sten die begren­zten Ressourcen eines Spiel­szenar­ios sichert, sich auch die größte Armee zule­gen kann und — bei nicht allzu ungeschick­tem tak­tis­chen Ver­hal­ten — die anderen Mit­spiel­er besiegt. Jedem Monop­oly-Spiel­er ist bewusst, dass zwar alle Spiel­er mit den gle­ichen Voraus­set­zun­gen begin­nen, am Ende jedoch immer der­jenige alle anderen über den Miet­zins enteignet, der über die meis­ten und teuer­sten Straßen mit den teuer­sten Immo­bilien ver­fügt. Und jed­er, der schon ein­mal ver­sucht hat, einen Stre­it zu schlicht­en, weiß, dass man sich mit der Sichtweise und den Posi­tio­nen aller am Kon­flikt Beteiligten auseinan­der­set­zen muss. Wer nur eine Seite des Kon­flik­tes sieht, ist Teil davon. Zwei und zwei ergibt nun ein­mal vier. Wenn man diese ein­fachen Zusam­men­hänge jedoch auf das reale Leben, in dem dur­chaus die gle­ichen Regeln gel­ten, überträgt, dann erscheint alles plöt­zlich sehr kom­pliziert, rel­a­tiv und undurch­sichtig. Auf ein­mal ist das Ergeb­nis der Addi­tion von zwei und zwei nicht mehr so klar, obwohl es bei näherem Hin­se­hen ganz deut­liche Hin­weise gibt, dass der gesunde Men­schen­ver­stand nicht trügt. Jed­er von uns ist in der Lage, die wahren Missstände in der Welt zu erken­nen. Doch das Gehirn ist wie ein Fallschirm. Es funk­tion­iert nur, wenn es offen ist.

Was die Men­schheit benötigt, ist nicht noch mehr Krieg, noch mehr Aufrüs­tung, noch mehr Kli­mawan­del und noch mehr Bee­in­flus­sung durch Medi­en. Was wir brauchen, ist eine neue Aufk­lärung, in der wir wieder ler­nen, unseren gesun­den Men­schen­ver­stand zu benutzen, anstatt der Mei­n­ung Ander­er zu ver­trauen. Mei­n­ung sollte auf Fak­ten beruhen und nicht auf dem Glauben, dass die Medi­en wahrhaftig bericht­en. Wer einen wachen Geist hat, der stellt Fra­gen, anstatt sich berieseln zu lassen. Und wer in der Lage ist, sein ver­nun­ft­be­gabtes Denkzen­trum zu benutzen, sieht sofort die über­all deut­lich sicht­baren Wider­sprüche, auf denen die west­liche Gesellschaft aufge­baut ist. Wenn wir in ein­er echt­en Demokratie leben wür­den, hät­ten wir dann Hartz IV, die Rente ab 67 oder Mil­itärein­sätze der Bun­deswehr in völk­er­rechtswidri­gen Kriegen? Wenn der Kap­i­tal­is­mus tat­säch­lich Wohl­stand für alle brin­gen würde, wieso steigt die Anzahl der­jeni­gen in Deutsch­land, die am Exis­tenzmin­i­mum leben? Wenn die Anzahl der Todes­opfer des Krieges gegen den Ter­ror in Afghanistan, im Irak und in Pak­istan über eine Mil­lio­nen liegt, und die Anzahl der Opfer islamistis­chen Ter­rors in allen west­lichen Län­dern zusam­men unter 1.000, wer ist dann der wahre Aggres­sor? Wenn die Fol­gen des Kli­mawan­dels nur halb so schlimm wären, wie Forsch­er es vorher­sagen, wieso ist das Ausstoßen von Kohlen­diox­id nicht längst ver­boten? Und wie kann man von freien und unab­hängi­gen Medi­en in Deutsch­land sprechen, wenn die öffentlich-rechtlichen von den Regierungsparteien und die wichtig­sten und ein­flussre­ich­sten pri­vat­en Medi­en von ger­ade ein­mal vier Mil­liardären kon­trol­liert wer­den?

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