Das kapitalistische Wirtschaftssystem

Wohl­stand für alle“, so lautete der Titel eines von Lud­wig Erhard 1957 erschienen Buch­es. Der dama­lige Bun­deswirtschaftsmin­is­ter for­mulierte darin seine Überzeu­gung, nur eine freie, nicht reg­ulierte Wirtschaft könne ein­er bre­it­en gesellschaftlichen Schicht Wohl­stand zukom­men lassen. 60 Jahre später zeigt sich, dass unser Wirtschaftssys­tem, welch­es in den Wirtschaftswun­der­jahren in Deutsch­land zu Zeit­en Erhards eine Wohl­standsmehrung aller Gesellschaftss­chicht­en ermöglicht hat (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrstuhleffekt), nun dafür ver­ant­wortlich ist, dass die Armutsge­fährdungsquote (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72188/umfrage/entwicklung-der-armutsgefaehrdungsquote-in-deutschland/) sowie die Ungle­ich­heit­en bei Ver­mö­gen (vgl. http://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/140704_01.png) und Einkom­men (vgl. https://oecafe.wordpress.com/2011/12/07/deutschland-wirtschaftsriese-und-gini-oecd-divided-we-stand-teil-2/) immer weit­er steigen. Wie ist das möglich? Um diesen Effekt zu ver­ste­hen, muss man sich mit arbeit­slosen Einkom­men aus Boden­ver­pach­tung, Ver­mi­etung, Unternehmens­div­i­den­den und Geld­ver­leih sowie mit dem Wesen des Geldes, Geld­schöp­fung, Schulden, Zin­sen und Zins­eszin­sen und dem Wirtschaftswach­s­tum beschäfti­gen.

Arbeit­slose Einkom­men

Die Keimzelle men­schlichen Wirtschaftens ist die Sub­sis­ten­zwirtschaft, in der eine rel­a­tiv kleine Gemein­schaft die natür­lichen Ressourcen ihrer Umge­bung nutzt, um das eigene Über­leben zu sich­ern. Ursprünglichen men­schlichen Gesellschaften war das Konzept des pri­vat­en Landbe­sitzes unbekan­nt. Noch heute sind für die verbliebe­nen Naturvölk­er rund um den Globus die natür­lichen Grund­la­gen der Exis­ten­zsicherung größ­ten­teils All­ge­meingut. Irgend­je­mand in unserem Zweig der Kul­turgeschichte muss jedoch in grauer Vorzeit auf die Idee gekom­men sein, das von ihm genutzte Land als sein Eigen­tum zu deklar­i­eren. Hat sich dieses Konzept als Regel men­schlichen Zusam­men­lebens etabliert, ist es kein weit­er Schritt mehr zu ein­er Anhäu­fung und Ver­pach­tung von Boden an Besit­zlose, die als Pachtzins einen Teil ihres Ertrages an den Ver­pächter abgeben müssen. Die Idee des arbeit­slosen Einkom­mens war geboren.

Für diejeni­gen Men­schen, die im Kap­i­tal­is­mus groß gewor­den sind, ist das Konzept eines Pri­vatbe­sitzes, der die eige­nen Bedürfnisse um ein Vielfach­es über­steigt, so nor­mal wie der Son­nenauf­gang oder das Vorhan­den­sein von Luft zum Atmen. Und doch han­delt es sich dabei nicht um ein Naturge­setz, son­dern um eine von Men­schen fest­gelegte Regel, die jed­erzeit änder­bar ist. Diese Regel ermöglicht es ein­er Klasse von Besitzen­den, auf Kosten der Arbeit Besit­zlos­er zu leben. Dieser Umstand ist mit dem Gerechtigkeitssinn der Men­schen nicht vere­in­bar. Bis heute ist die Ungle­ichverteilung materieller Ressourcen in unser­er Gesellschaft Aus­lös­er für Stre­it, Klassenkämpfe und Kriege.

Das Wesen des Geldes

Die Sub­sis­ten­zwirtschaft hat den Nachteil, dass alle Men­schen gle­icher­maßen damit befasst sind, Nahrung zu beschaf­fen, Unterkün­fte zu bauen und Klei­dung herzustellen. Die Tauschwirtschaft ermöglicht bere­its eine gewisse Spezial­isierung. Noch heute kann man bei Naturvölk­ern eine Arbeit­steilung bei der Organ­i­sa­tion von Nahrungsmit­teln sehen. Während die Einen Pflanzen anbauen, hal­ten die Anderen Tiere, und wieder Andere sind auf die Jagd spezial­isiert. Erst die Ein­führung von Geld als uni­verselles Tauschmit­tel hat die Arbeit­steilung und Spezial­isierung ermöglicht, denen wir unsere gesamten Fortschritte in allen Lebens­bere­ichen zu ver­danken haben.

Geld ste­ht sym­bol­isch für die Waren und Dien­stleis­tun­gen, deren Wert sich im Han­del real­isiert. Das bedeutet, wir tauschen über das sym­bol­is­che Mit­tel Geld weit­er­hin Waren und Dien­stleis­tun­gen gegeneinan­der aus. Das Geld ist durch die in der Arbeit­steilung pro­duzierten Werte gedeckt und benötigt im Prinzip keinen Eigen­wert. Selt­samer­weise sind wir jedoch der Idee ver­fall­en, dass Geld im Gegen­satz zu den Gütern, die wir damit tauschen, nicht seinen Wert ver­lieren darf und den zusät­zlichen Zweck eines Wert­spe­ich­ers erfüllen muss. Den­jeni­gen, die genau­so viel ver­di­enen, wie sie zur Erhal­tung ihrer Exis­tenz benöti­gen, ist diese Eigen­schaft im Prinzip egal. Es nutzt nur denen, die auf­grund ihres Besitzes oder sozialen Standes und deren Möglichkeit­en, auf Kosten ander­er zu leben, mehr Geld anhäufen kön­nen, als sie zum Leben brauchen. Lange Zeit waren Gold und andere Edel­met­alle daher die erste Wahl für die Nutzung als Geld, weil sie einen Eigen­wert besitzen.

Doch wenn Geld Tauschmit­tel und Wert­spe­ich­er zugle­ich sein soll, erzeugt dies eine ganze Menge Prob­leme, die nie ganz gelöst wer­den kön­nen und immer wieder zu vorherse­hbaren Krisen des Finanzsys­tems führen. Wenn Geld als Tauschmit­tel seine Auf­gabe erfüllen soll, dann muss immer genau­so viel Geld in einem Wirtschaft­skreis­lauf kur­sieren, wie Waren und Dien­stleis­tun­gen ange­boten und ver­braucht bzw. genutzt wer­den. Wenn Geld als Wert­spe­ich­er genutzt wird, wird es dem Kreis­lauf ent­zo­gen. Ist zu wenig Geld vorhan­den, sinken die Preise. Dies nen­nt man Defla­tion. Diesen Effekt kon­nte man zulet­zt ein­drucksvoll bei der elek­tro­n­is­chen Währung Bit­coin beobacht­en. Sobald eine Defla­tion ein­set­zt, ver­stärkt sich der Effekt, denn wenn Preise sinken, führt dies dazu, dass Men­schen ihr Geld zurück­hal­ten, um Waren zu einem späteren Zeit­punkt gün­stiger zu erwer­ben. Ist hinge­gen zu viel Geld im Sys­tem, dann steigen die Preise, was Infla­tion genan­nt wird. Eine kon­stant schle­ichende Infla­tion führt dazu, das Geld langsam seinen Wert ver­liert, was wiederum zur Folge hat, dass es nicht als Wert­spe­ich­er genutzt wird. Steigt die Infla­tion jedoch stark an, bricht eine Panik aus, und die Men­schen kaufen Waren, nur um ihre Werte zu sich­ern. Das wirft noch mehr Geld auf den Markt, und eine Hyper­in­fla­tion tritt ein. Die Organ­i­sa­tion, die in unserem Geldsys­tem dafür sorgt, dass stets die adäquate Menge an Geld im Umlauf ist und eine schle­ichende Infla­tion von jährlich 2 % gewährleis­tet ist, ist die Zen­tral- oder Noten­bank. Die Anpas­sung der Geld­menge in einem Sys­tem erfol­gt über Geld­schöp­fung und Geld­ver­nich­tung.

Geld­schöp­fung und Schulden

Unser heutiges Geld beste­ht aus Nullen und Ein­sen auf Bankcom­put­ern, bedruck­ten Papierzetteln, und Münzen mit einem Mate­ri­al­w­ert, der deut­lich unter deren sym­bol­is­chen Wert liegt. Es hat also an sich keinen Wert und ist allein durch die realen Pro­duk­te und Dien­stleis­tun­gen gedeckt, die mit ihm getauscht wer­den. Eine Wirtschaft wächst, wenn mehr Waren pro­duziert und verkauft wer­den oder mehr Dien­stleis­tun­gen ange­boten und genutzt wer­den. Dahin­ter steckt die Arbeit von Men­schen, die entwed­er mehr wer­den, mehr arbeit­en oder pro­duk­tiv­er arbeit­en. Wächst eine Wirtschaft, sollte die Geld­menge steigen, damit Geld nicht knapp wird und eine Defla­tion ein­tritt. Dies geschieht, indem Geld schlicht und ein­fach gedruckt, geprägt oder auf einem Zen­tral­bankcom­put­er hinzuge­fügt wird – aus dem Nichts. Es wäre nur fair, wenn diejeni­gen, die das Wirtschaftswach­s­tum erzeugt haben, auch Nutznießer der Geld­ver­mehrung wären. Man kön­nte also den Men­schen das Geld ein­fach schenken. Doch es soll the­o­retisch auch die Möglichkeit geben, dass man das Geld wieder ver­nicht­en kann, wenn die Wirtschaft schrumpft. Daher kommt es als Schulden auf die Welt.

Nur Zen­tral- bzw. Noten­banken kön­nen Bargeld bzw. Zen­tral­bankgeld (vgl. https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Glossareintraege/Z/zentralbankgeld.html) in den Umlauf brin­gen. Banken untere­inan­der akzep­tieren auss­chließlich diese Form von Geld beim Aus­gle­ich von Forderun­gen aus Über­weisungstätigkeit­en ihrer Kun­den. Wenn ein Kunde von Bank A einem Kun­den der Bank B Geld über­weist und es find­en an diesem Tag keine weit­eren Transak­tio­nen zwis­chen diesen bei­den Banken statt, fließt zwis­chen den Banken Zen­tral­bankgeld. Zen­tral- und Noten­banken sind nor­maler­weise staatliche Organ­i­sa­tio­nen. Eine Aus­nahme bildet die Fed­er­al Reserve, kurz FED, in den USA, die sich seit 1913 in der Hand pri­vater Banken befind­et. In Europa wur­den die nationalen Noten­banken wie z.B. die Deutsche Bun­des­bank mit dem Ver­trag von Maas­tricht 1993 in das Europäis­che Sys­tem der Zen­tral­banken eingegliedert. Das ober­ste Organ dieses Sys­tems ist die Europäis­che Zen­tral­bank (EZB), die von den EU-Staat­en kon­trol­liert wird und genau­so wie die Deutsche Bun­des­bank ihren Sitz in Frank­furt am Main hat. Nor­maler­weise steuern die Zen­tral­banken die Geld­menge in einem Wirtschaftssys­tem über den so genan­nten Leitzins. Zu diesem Zinssatz, dessen Erlös zurück in die jew­eili­gen Staat­shaushalte fließt, kön­nen sich Pri­vat­banken Geld von der Zen­tral­bank lei­hen und es an ihre Kun­den zu einem höheren Zinssatz weit­er­ver­lei­hen. Dieses Geld wird von der Zen­tral­bank geschöpft, d.h. aus dem Nichts erschaf­fen. Je niedriger der Leitzins ist, desto höher ist die Moti­va­tion der Banken und deren Kun­den, einen Kred­it aufzunehmen, um damit reale Werte zu schaf­fen, z.B. mit dem Bau eines Haus­es. Immer­hin ist der Staat und damit die All­ge­mein­heit Nutznießer der Erlöse des Leitzins­es. Wird das geliehene Geld an die Zen­tral­bank zurück­gezahlt, wird es wieder ver­nichtet. Bei neg­a­tivem Wirtschaftswach­s­tum soll so die Geld­menge in einem Wirtschaftssys­tem wieder schrumpfen. So jeden­falls die The­o­rie.

Tat­säch­lich kön­nen auch Pri­vat­banken Geld aus dem Nichts schöpfen, und sie machen davon gehörig Gebrauch. Die Zauber­wörter hier­für laut­en Min­de­stre­serve, Eigenkap­i­talquote und Kred­it­gewährung im Gle­ich­schritt. Die Min­de­stre­serve ist ein Pflichtguthaben von Zen­tral­bankgeld der Pri­vat­banken bei der Zen­tral­bank. Sie soll bei einem so genan­nten Bank Run (alle Kun­den wollen die Sichtein­la­gen auf ihren Giro- und Sparkon­ten als Bargeld aus­bezahlt bekom­men) die Pri­vat­banken davor bewahren, über nicht genü­gend Bargeld zu ver­fü­gen. In der Euro­zone beträgt dieses Guthaben 1 % der Summe aller täglich fäl­li­gen Ein­la­gen sowie Ein­la­gen mit ein­er Laufzeit bis zu zwei Jahren bzw. ein­er Kündi­gungs­frist von bis zu zwei Jahren ein­er Bank (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mindestreserve, https://www.bezahlen.de/lexikon/mindestreservebasis_4105.html). Die restlichen 99 % der Bankbi­lanz kön­nen aus so genan­ntem Buch- oder Giral­geld beste­hen. Der eigentlich lim­i­tierende Fak­tor ist jedoch die seit der Finanzkrise 2007/2008 geforderte höhere Eigenkap­i­talquote von 8 % der Banken (vgl. https://www.sparkonto.org/eigenkapitalquote-der-banken-ist-auch-interessant-fuer-sparer/). Banken kön­nen Giral­geld durch die so genan­nte Kred­it­gewährung im Gle­ich­schritt schöpfen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Geldtheorie#Entstehung_von_Geld, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Kreditgew%C3%A4hrung_im_Gleichschritt_(Bilanzbilder_durch_Hans_Gestrich,_1936).png).

Beispiel:
Bank A gewährt einem Kun­den 10.000 Euro Kred­it. Dieser kauft sich dafür ein Auto und über­weist den Kauf­preis auf das Kon­to des Händlers bei Bank B. Bank B gewährt gle­ichzeit­ig einem ihrer Kun­den einen Kred­it von 10.000 Euro. Dieser kauft sich davon ein Motor­rad und über­weist den Kauf­preis auf das Kon­to des Händlers bei Bank A. Am Ende des Tages stellen bei­de Banken beim Clear­ing fest, dass sie zwar jew­eils einen Kred­it von 10.000 Euro vergeben haben, aber sich untere­inan­der kein Geld schulden und daher auch kein Zen­tral­bankgeld benöti­gen, um ihre gegen­seit­i­gen Forderun­gen auszu­gle­ichen. Bei­de Banken haben jew­eils 10.000 Euro aus dem Nichts geschöpft und ver­lan­gen dafür von ihren Kun­den Zin­sen. Zahlen die Kun­den ihren Kred­it zurück, wird das Geld wieder ver­nichtet. Übrig bleibt der Erlös aus den Zin­sen, welche die Banken behal­ten.

Giral­geld stellt kein echt­es Geld dar, wird aber so behan­delt, weil es the­o­retisch jed­erzeit in Bargeld umge­wan­delt wer­den kann. Haupt­säch­lich auf­grund des bargeld­losen Zahlungsverkehrs ist die Menge des Giral­geldes auf den Giro- und Sparkon­ten (Geld­menge M1) auf das Sechs­fache des Bargelds angestiegen (vgl. https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Dossier/Service/schule_und_bildung_kapitel_3.html?docId=147672&notFirst=true), die Menge des Giral­geldes auf den Giro- und Sparkon­ten plus der Ein­la­gen mit ein­er Laufzeit von über zwei Jahren (Geld­menge M2) sog­ar auf das Zehn­fache. Dass die Min­de­stre­serve von 1 % niemals aus­re­icht, diese Geld­men­gen in Bargeld umzuwan­deln, ist nicht nur rein rech­ner­isch nachvol­lziehbar. Als die Griechen in der Griechen­land­krise befürchteten, ihr Land kön­nte aus der Euro­zone aus­treten, woll­ten sie ihr Geld von ihren Kon­ten abheben und standen vor ver­schlosse­nen Bank­fil­ialen und abgeschal­teten Bankau­to­mat­en, weil die Banken nicht über das Bargeld bzw. das Zen­tral­bankgeld ver­fügten, um ihre Kun­den auszubezahlen.

Egal ob durch die Zen­tral­bank oder durch Pri­vat­banken: Frisch geschöpftes Geld kommt immer als Schulden auf die Welt. Je mehr Geld im Umlauf ist, desto höher sind die Schulden von Staat­en, Unternehmen, Banken und Pri­vathaushal­ten. Tat­säch­lich zeigen die Entwick­lun­gen der Geld­men­gen in Europa und den USA (vgl. https://www.tagesgeldvergleich.net/statistiken/geldmengen.html) im Ver­gle­ich zu den Entwick­lun­gen der Schulden (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/154798/umfrage/deutsche-staatsverschuldung-seit-2003/, https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsverschuldung_der_Vereinigten_Staaten#/media/File:Total_US_Federal_Debt_by_President_(1940_to_2015).png) ein­deutige Par­al­le­len. Sowohl die Geld­menge als auch die Schulden wach­sen beschle­u­nigt. Doch das Wirtschaftswach­s­tum, die Entwick­lung des Brut­toin­land­spro­duk­tes (BIP), kann mit diesem Wach­s­tum nicht mithal­ten, da es nur lin­ear ansteigt (vgl. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reales-Bruttoinlandsprodukt-Deutschland-1950–2000.png, http://www.boersennotizbuch.de/wp-content/uploads/2009/bip_usa_real_seit_1947.png). Dies hat zur Folge, dass auch die Ver­schul­dungsquote (Schulden im Ver­hält­nis zum BIP) beschle­u­nigt wächst (vgl. https://static.boerse.de/images/Infografiken/staatsverschuldung/Staatsverschuldung_Deutschland.png, http://www.markt-daten.de/blog/wordpress/wp-content/images/2009/09/20090921-fof-debt-bip.gif).

Wenn man sich zum ersten Mal mit dieser Materie beschäftigt, dauert es eine Weile, bis man sie verin­ner­licht hat. Dass aus­gerech­net pri­vate Unternehmen wie eine Bank die haupt­säch­lichen Nutznießer der Geld­schöp­fung sein sollen, klingt so absurd, dass man es im ersten Augen­blick nicht wahrhaben will. Doch man kann es drehen und wen­den, wie man will. Man kommt an den Tat­sachen nicht vor­bei. Selb­st die Deutsche Bun­des­bank erk­lärt auf ihrer Web­seite den Vor­gang der Giral- bzw. Buchgeld­schöp­fung (vgl. https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Dossier/Service/schule_und_bildung_kapitel_3.html?notFirst=true&docId=147694#doc147694bodyText2). Hat man sich jedoch damit sowie mit der Tat­sache, dass bei einem Bank Run sämtliche Banken der Euro­zone sofort pleite wären, abge­fun­den, kom­men Fra­gen auf:

  • Wieso über­lassen die Staat­en pri­vat­en Banken den Großteil des Gewinns aus Zin­sen aus der Geld­schöp­fung? Das ist ins­beson­dere denen gegenüber unfair, die das Wirtschaftswach­s­tum, welch­es Aus­lös­er der Geld­ver­mehrung sein sollte, erzeugt haben. Zudem sollte die Geld­schöp­fung vom Wirtschaftswach­s­tum abhän­gen und nicht vom Gewinnstreben pri­vater Unternehmen wie den Pri­vat­banken.
  • Weshalb benöti­gen wir über­haupt ein zweistu­figes Banken­sys­tem, um das geschöpfte Geld unter die Men­schen zu brin­gen? Auch die Pri­vat­banken müssen bei der Zen­tral­bank Sicher­heit­en für ihre Kred­ite hin­ter­legen. Man kön­nte den pri­vat­en Zwis­chen­händler auch ein­fach auss­chal­ten. Die Folge wäre ein Voll­geldsys­tem ohne Giral­geld.
  • Warum dür­fen Pri­vat­banken Kred­ite vergeben, wenn sie über­haupt nicht über das notwendi­ge Zen­tral­bankgeld ver­fü­gen, das hin­ter der Kred­it­menge ste­hen sollte?
  • Wieso wird nach der Erfahrung in Griechen­land die Min­de­stre­serve von 1 % nicht deut­lich ange­hoben? Diese Frage wird noch ein­dringlich­er, wenn man weiß, dass die Min­de­stre­serve in der Euro­zone im Zuge der Griechen­land­krise von 2 auf 1 % her­abge­set­zt wurde (vgl. https://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Aufgaben/Geldpolitik/Mindestreserven/mindestreserven.html).
  • Weshalb weiß die Mehrheit der Men­schen so wenig über das tat­säch­liche Funk­tion­ieren des Geldsys­tems, von dem ihre Exis­tenz und ihre Zukun­ft abhän­gen?
  • Warum steigt derzeit die Infla­tion­srate nicht an, obwohl deut­lich mehr Geld geschöpft wird, als dass es das Wirtschaftswach­s­tum recht­fer­ti­gen würde (vgl. http://www.inflation.eu/images/charts/infl-chart-3–1-34.jpg, https://en.wikipedia.org/wiki/File:US-Inflation-by-year.png)?

Bis auf den let­zten Punkt, kön­nte man alle anderen auch erset­zen mit der Frage: Wer regiert eigentlich in den west­lichen Demokra­tien? Auf den let­zten Punkt kann man mit ein biss­chen Nach­denken eine ein­fache logis­che Antwort find­en. Allein das Geld­ver­mö­gen der pri­vat­en Haushalte in Deutsch­land liegt bei 5,7 Bil­lio­nen Euro und stieg auch während der Finanzkrise stetig an (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37880/umfrage/geldvermoegen-der-privathaushalte-in-deutschland/). Bei einem BIP von 3,15 Bil­lio­nen Euro (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/) kön­nte man ver­muten, dass ein Großteil des Ver­mö­gens für den Aus­tausch von Waren und Dien­stleis­tun­gen über­haupt nicht benötigt wird und auf irgendwelchen Sparkon­ten schlum­mert, um sich dort mith­il­fe von Zin­sen zu ver­mehren. Schaut man auf die Ver­mö­gensverteilung, wird die Ver­mu­tung deut­lich­er. Min­desten 61 % des deutschen Ver­mö­gens ist in den Hän­den der reich­sten 10 % des Lan­des. Das Durch­nittsver­mö­gen der reich­sten 10 % lag 2012 bei 639.000 Euro (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland#Untersuchung_des_DIW_f%C3%Bcr_2012). Dieses Geld wird ganz sich­er nicht zu 100 % gegen Güter oder Dien­stleis­tun­gen getauscht. Wird Geld jedoch als Wert­spe­ich­er ver­wen­det, dann wird es dem Geld­kreis­lauf ent­zo­gen. Damit keine Defla­tion ein­tritt, muss geschöpftes Geld in den Kreis­lauf nach­fließen. Hinzu kommt das Konzept des englis­chen Ökonomen John May­nard Keynes, während ein­er Wirtschaft­skrise Geld nicht zu ver­nicht­en, son­dern, im Gegen­teil, der Krise durch neu geschöpftes Geld ent­ge­gen­zuwirken. Seit den Auswirkun­gen der Finanzkrise auf die reale Wirtschaft erleben wir genau diese Geld­poli­tik der EZB. Sie hat den Leitzins nicht nur, ähn­lich wie andere Indus­trielän­der, auf annäh­ernd 0 % her­abge­set­zt (vgl. https://www.finanzen.net/leitzins/), son­dern mit frisch geschöpften Geld auch Staat­san­lei­hen und Unternehmen­san­teile pri­vat­en Gläu­bigern zu über­höht­en Preisen abgekauft (vgl. http://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/geldpolitik-ezb-kauft-mehr-staatsanleihen/19545268.html). Dies bedeutet, dass sowieso nie Geld ver­nichtet wird, selb­st dann nicht, wenn die Wirtschaft schrumpft.

Zin­sen und Wirtschaftswach­s­tum

Durch dieses Vorge­hen wird nicht nur die Geld­menge im Wirtschaftssys­tem über Gebühr erhöht, son­dern auch die Möglichkeit der Geld­ver­mehrung durch Zin­sen ver­ringert, da ein niedriger Leitzins nicht nur zu niedri­gen Zin­sen bei Kred­iten, son­dern auch bei der Gel­dan­lage führt. Hat ein Spar­er Anfang der 90er Jahre noch bis zu 9 % Zin­sen für sein Geld bekom­men, liegt der Zinssatz Ende 2017 bei etwas mehr als 1 %, selb­st bei fest angelegtem Geld. Die niedri­gen Ren­diten treibt die Anleger zum Kauf von Aktien, was zu ein­er Umstruk­turierung der Wirtschaft und zu Blasen­bil­dun­gen wie die Dot­com-Blase und die Hypotheken­blase, die in die Finanzkrise 2007/2008 mün­dete, führt. Es wird also immer schwieriger, Geld gewinnbrin­gend anzule­gen. Ein­er­seits ist dies gut, weil der Wert des Geldes ver­fall­en sollte, damit es im Geld­kreis­lauf bleibt. Ander­er­seits versper­rt es Men­schen mit nur geringem Reich­tum die Möglichkeit, sich Ver­mö­genswerte zuzule­gen. Eine kap­i­talgedeck­te Altersvor­sorge kann man bei der­art niedri­gen Zin­sen vergessen. Auch daran kann man eine gute Seite sehen, denn Geld ver­mehrt sich nicht von selb­st. Hin­ter den Zin­sen steckt immer eine Mehrleis­tung der realen Wirtschaft, sprich Arbeit. Arbeit­slose Einkom­men erhöhen die Ungle­ich­heit in einem Sys­tem, weil sie den­jeni­gen, die Werte erschaf­fen, Teile der Erlöse ihrer Arbeit weg­nehmen.

Der aktuelle Zus­tand wäre also gar nicht so schlecht, wenn die Umverteilung nicht bere­its längst stattge­fun­den hätte und die beschle­u­nigte Geld­ver­mehrung das Risiko ein­er Infla­tion steigern würde. Diejeni­gen, die sich in der Ver­gan­gen­heit zu rel­a­tiv niedri­gen Preisen Ver­mö­genswerte wie Miet­shäuser, Län­dereien, Unternehmen­san­teile oder gar ganze Unternehmen zule­gen kon­nten, kön­nen auch weit­er­hin davon prof­i­tieren. Diejeni­gen, die später zu den beste­hen­den Möglichkeit­en der Ver­mö­gens­bil­dung hinzus­toßen, haben auf­grund der niedri­gen Zin­sen, des hohen Risikos am Aktien­markt und den hohen Preisen für Ver­mö­genswerte (Werte, die einen Gewinn abw­er­fen) kaum noch Chan­cen aufzuschließen. Die materielle Ungle­ich­heit wird durch die Geld­schwemme gefes­tigt und aus­ge­baut. Unser Wirtschaftssys­tem zeigt alle Anze­ichen eines Schnee­ball­sys­tems, das am Ende nur wenige Gewin­ner und ganz viele Ver­lier­er her­vor­bringt.

Dass sich ein solch­es Sys­tem nicht ewig aufrecht erhal­ten lässt, zeigt das Beispiel des Joseph­spfen­nigs (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Josephspfennig, https://www.zinsen-berechnen.de/zinsrechner.php). Expo­nen­tiell gesteigerte Gewin­ner­wartung aus dem Anle­gen von Geld kann niemals durch ein lin­ear­es Wirtschaftswach­s­tum befriedigt wer­den. Es muss alle paar Jahrzehnte zusam­men­brechen, um zu funk­tion­ieren. Dann wird Geld im großen Stil ver­nichtet, Schulden ver­schwinden, rel­a­tive Gle­ich­heit unter den­jeni­gen, die keine realen Ver­mö­genswerte besitzen, wird wieder­hergestellt und das Schnee­ball­sys­tem kann von vorne begin­nen. Das let­zte Mal in Deutsch­land fand eine Geld­ver­nich­tung im Zuge der Wiedervere­ini­gung 1990 statt. Nur geringe Beträge zwis­chen 2.000 und 6.000 Ost­mark wur­den 1:1 gegen D-Mark umges­tauscht. Alles, was darüber lag, wurde 2:1 bzw. 3:1 umge­tauscht (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungs-,_Wirtschafts-_und_Sozialunion#Umtauschkurse). Dadurch wurde die Geld­menge in den neuen Bun­deslän­dern ver­ringert.

Während der Währungsre­form 1948 wurde die Reichs­mark sowohl in West­deutsch­land als auch in der Sow­jetis­chen Besatzungszone grob im Ver­hält­nis 10:1 gegen D-Mark bzw. Ost­mark umge­tauscht, die Geld­menge also drastisch ver­ringert (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungsreform_1948_(Westdeutschland), https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_(DDR)#Einf%C3%BChrung). Voraus­ge­gan­gen war der Zweite Weltkrieg, in dem Nazi-Deutsch­land mit ein­er expan­siv­en Geld­poli­tik seine Rüs­tung finanziert hat­te.

Auch der Erste Weltkrieg war im Deutschen Reich mit ein­er expan­siv­en Geld­poli­tik finanziert wor­den. Nach der Nieder­lage kamen hor­rende Repa­ra­tionszahlun­gen an die Siegermächte oben­drauf, was die deutsche Regierung mit noch mehr geschöpftem Geld zu finanzieren ver­suchte. Dies führte zur Hyper­in­fla­tion von 1923 im Deutschen Reich, welche mit der Ein­führung der Renten­mark gelöst wurde. 1 Bil­lio­nen Mark wur­den gegen eine Renten­mark gewech­selt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923#Einf%C3%BChrung_der_Rentenmark_und_Ende_der_Inflation). Unmen­gen an Geld wur­den ver­nichtet, und Schulden lösten sich in Luft auf. Lei­d­tra­gende waren die Ange­höri­gen der Mit­telschicht, deren gesamtes Erspartes ver­loren ging. Diejeni­gen, die über real­wirtschaftlichen Besitz ver­fügten, waren deut­lich weniger betrof­fen und prof­i­tierten sog­ar vom Weg­fall der Schulden. Bere­its sechs Jahre später wurde die junge Weimar­er Repub­lik durch die Weltwirtschaft­skrise, die Folge ein­er Wach­s­tums­blase in den USA auf der Basis von faulen Kred­iten, also ein­er Geld­ver­mehrung, erneut gebeutelt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Weltwirtschaftskrise).

Geld­schöp­fung im Rah­men eines Wirtschaftswach­s­tums und Geld­ver­nich­tung bei schrumpfend­er Wirtschaft hören sich in der The­o­rie vernün­ftig an. In der Prax­is schöpfen jedoch die Pri­vat­banken durch Zin­sen auf frisch geschöpftes Geld die Gewinne des Wirtschaftswach­s­tums ab, das von der Klasse der Arbei­t­en­den erbracht wurde. Wenn es zu ein­er Geld­ver­nich­tung kommt, dann immer zu Haupt­las­ten der­jeni­gen, die nur über ein beschei­denes Geld­ver­mö­gen und keinen real­wirtschaftlichen Besitz ver­fü­gen. Eigentlich sollte bei ein­er schrumpfend­en Wirtschaft Geld durch das Rück­zahlen von Schulden ver­nichtet wer­den. Diejeni­gen, die über viel Geld ver­fü­gen, kön­nten es ver­wen­den, um z.B. die hohen Staatss­chulden zu begle­ichen. Dadurch würde die Geld­menge schrumpfen und auf friedlichem Wege wieder etwas mehr Gle­ich­heit in der Gesellschaft hergestellt. Nie­mand gibt jedoch Geld frei­willig her, schon gar nicht für die All­ge­mein­heit. Daher müsste man die Klasse der Reichen und Besitzen­den zu diesem Schritt durch Erhöhung von Spitzen­s­teuer­satz oder Erb­schaftss­teuer zwin­gen, wozu es wiederum ein­er entsprechen­den öffentlichen Mei­n­ung und Poli­tik bedarf. Wenn die ein­flussre­ich­sten Medi­en eines Lan­des jedoch aus­gerech­net von der reich­sten Klasse kon­trol­liert wer­den, kann man auf diesen vernün­fti­gen Schritt lange warten. Stattdessen wird immer neues Geld in das Wirtschaftssys­tem gepumpt, wodurch das beste­hende Geld entwertet und weit­ere Schulden­berge aufgetürmt wer­den.

Faz­it

Der Kap­i­tal­is­mus ist ein Sys­tem, das zunächst bei rel­a­tiv­er Gle­ichverteilung von Geld und Besitz zu einem Wirtschaft­sauf­schwung führt. Doch es ist so angelegt, dass die materielle Ungle­ich­heit auf Kosten der Besit­zlosen immer größer wird und diese sich ver­fes­tigt. Am Ende zer­stört es sich gewalt­sam selb­st, um sich wie ein Phönix aus der Asche zu erheben, und ein neuer Zyk­lus begin­nt wieder von vorne. Im 20. Jahrhun­dert fan­den in Europa gle­ich mehrere dieser Zusam­men­brüche statt. Der bedeu­tend­ste war der Aus­bruch des Ersten Weltkriegs, der durch über­bor­dende Geld­ver­mehrung auf­grund der Finanzierung von Aufrüs­tung und Repa­ra­tionszahlun­gen sowie durch die darauf­fol­gende Wirtschaft­skrisen kaskadenar­tig den Zweit­en Weltkrieg zur Folge hat­te. Vor 1914 waren Ver­mö­gen und Einkom­men in Europa und den USA extrem ungle­ich verteilt (vgl. http://blog.zeit.de/herdentrieb/2014/01/17/einkommen-und-vermogen-sind-ungleich-verteilt-ein-erklarungsversuch_6952). Seit Ende des Zweit­en Weltkrieges erleben die USA und Europa eine erneute Umverteilung der Ver­mö­gen von Arm nach Reich, welche die Gefahr eines Zusam­men­bruchs immer wahrschein­lich­er macht. Nur eine durch die Poli­tik ini­ti­ierte Geld­ver­nich­tung, d.h. Schulden­ab­bau, kön­nte diese Entwick­lung friedlich ver­hin­dern. Doch wenn selb­st eine sozialdemokratis­che Regierung den Spitzen­s­teuer­satz senkt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Steuerreform_2000_in_Deutschland), die Erb­schaft­s­teuer nicht erhöht (vgl. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/erbschaftsteuer-schroeder-und-eichel-wollen-keine-erhoehung-a-125224.html), die Staatss­chulden ausweit­et (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsverschuldung_Deutschlands#Entwicklung_der_Staatsverschuldung_in_Deutschland), die Armut ver­größert (vgl. https://www.heise.de/tp/features/Bundesregierung-hat-die-Armut-stark-vergroessert-3675653.html) und sich an völk­er­rechtswidri­gen Kriegen beteiligt (vgl. http://www.taz.de/!5165840/), dann stirbt die Hoff­nung auf eine friedliche Auflö­sung der Ungle­ichverteilung.

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