Das kapitalistische Wirtschaftssystem

„Wohlstand für alle“, so lautete der Titel eines von Ludwig Erhard 1957 erschienen Buches. Der damalige Bundeswirtschaftsminister formulierte darin seine Überzeugung, nur eine freie, nicht regulierte Wirtschaft könne einer breiten gesellschaftlichen Schicht Wohlstand zukommen lassen. 60 Jahre später zeigt sich, dass unser Wirtschaftssystem, welches in den Wirtschaftswunderjahren in Deutschland zu Zeiten Erhards eine Wohlstandsmehrung aller Gesellschaftsschichten ermöglicht hat (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrstuhleffekt), nun dafür verantwortlich ist, dass die Armutsgefährdungsquote (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72188/umfrage/entwicklung-der-armutsgefaehrdungsquote-in-deutschland/) sowie die Ungleichheiten bei Vermögen (vgl. http://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/140704_01.png) und Einkommen (vgl. https://oecafe.wordpress.com/2011/12/07/deutschland-wirtschaftsriese-und-gini-oecd-divided-we-stand-teil-2/) immer weiter steigen. Wie ist das möglich? Um diesen Effekt zu verstehen, muss man sich mit arbeitslosen Einkommen aus Bodenverpachtung, Vermietung, Unternehmensdividenden und Geldverleih sowie mit dem Wesen des Geldes, Geldschöpfung, Schulden, Zinsen und Zinseszinsen und dem Wirtschaftswachstum beschäftigen.

Arbeitslose Einkommen

Die Keimzelle menschlichen Wirtschaftens ist die Subsistenzwirtschaft, in der eine relativ kleine Gemeinschaft die natürlichen Ressourcen ihrer Umgebung nutzt, um das eigene Überleben zu sichern. Ursprünglichen menschlichen Gesellschaften war das Konzept des privaten Landbesitzes unbekannt. Noch heute sind für die verbliebenen Naturvölker rund um den Globus die natürlichen Grundlagen der Existenzsicherung größtenteils Allgemeingut. Irgendjemand in unserem Zweig der Kulturgeschichte muss jedoch in grauer Vorzeit auf die Idee gekommen sein, das von ihm genutzte Land als sein Eigentum zu deklarieren. Hat sich dieses Konzept als Regel menschlichen Zusammenlebens etabliert, ist es kein weiter Schritt mehr zu einer Anhäufung und Verpachtung von Boden an Besitzlose, die als Pachtzins einen Teil ihres Ertrages an den Verpächter abgeben müssen. Die Idee des arbeitslosen Einkommens war geboren.

Für diejenigen Menschen, die im Kapitalismus groß geworden sind, ist das Konzept eines Privatbesitzes, der die eigenen Bedürfnisse um ein Vielfaches übersteigt, so normal wie der Sonnenaufgang oder das Vorhandensein von Luft zum Atmen. Und doch handelt es sich dabei nicht um ein Naturgesetz, sondern um eine von Menschen festgelegte Regel, die jederzeit änderbar ist. Diese Regel ermöglicht es einer Klasse von Besitzenden, auf Kosten der Arbeit Besitzloser zu leben. Dieser Umstand ist mit dem Gerechtigkeitssinn der Menschen nicht vereinbar. Bis heute ist die Ungleichverteilung materieller Ressourcen in unserer Gesellschaft Auslöser für Streit, Klassenkämpfe und Kriege.

Das Wesen des Geldes

Die Subsistenzwirtschaft hat den Nachteil, dass alle Menschen gleichermaßen damit befasst sind, Nahrung zu beschaffen, Unterkünfte zu bauen und Kleidung herzustellen. Die Tauschwirtschaft ermöglicht bereits eine gewisse Spezialisierung. Noch heute kann man bei Naturvölkern eine Arbeitsteilung bei der Organisation von Nahrungsmitteln sehen. Während die Einen Pflanzen anbauen, halten die Anderen Tiere, und wieder Andere sind auf die Jagd spezialisiert. Erst die Einführung von Geld als universelles Tauschmittel hat die Arbeitsteilung und Spezialisierung ermöglicht, denen wir unsere gesamten Fortschritte in allen Lebensbereichen zu verdanken haben.

Geld steht symbolisch für die Waren und Dienstleistungen, deren Wert sich im Handel realisiert. Das bedeutet, wir tauschen über das symbolische Mittel Geld weiterhin Waren und Dienstleistungen gegeneinander aus. Das Geld ist durch die in der Arbeitsteilung produzierten Werte gedeckt und benötigt im Prinzip keinen Eigenwert. Seltsamerweise sind wir jedoch der Idee verfallen, dass Geld im Gegensatz zu den Gütern, die wir damit tauschen, nicht seinen Wert verlieren darf und den zusätzlichen Zweck eines Wertspeichers erfüllen muss. Denjenigen, die genauso viel verdienen, wie sie zur Erhaltung ihrer Existenz benötigen, ist diese Eigenschaft im Prinzip egal. Es nutzt nur denen, die aufgrund ihres Besitzes oder sozialen Standes und deren Möglichkeiten, auf Kosten anderer zu leben, mehr Geld anhäufen können, als sie zum Leben brauchen. Lange Zeit waren Gold und andere Edelmetalle daher die erste Wahl für die Nutzung als Geld, weil sie einen Eigenwert besitzen.

Doch wenn Geld Tauschmittel und Wertspeicher zugleich sein soll, erzeugt dies eine ganze Menge Probleme, die nie ganz gelöst werden können und immer wieder zu vorhersehbaren Krisen des Finanzsystems führen. Wenn Geld als Tauschmittel seine Aufgabe erfüllen soll, dann muss immer genauso viel Geld in einem Wirtschaftskreislauf kursieren, wie Waren und Dienstleistungen angeboten und verbraucht bzw. genutzt werden. Wenn Geld als Wertspeicher genutzt wird, wird es dem Kreislauf entzogen. Ist zu wenig Geld vorhanden, sinken die Preise. Dies nennt man Deflation. Diesen Effekt konnte man zuletzt eindrucksvoll bei der elektronischen Währung Bitcoin beobachten. Sobald eine Deflation einsetzt, verstärkt sich der Effekt, denn wenn Preise sinken, führt dies dazu, dass Menschen ihr Geld zurückhalten, um Waren zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zu erwerben. Ist hingegen zu viel Geld im System, dann steigen die Preise, was Inflation genannt wird. Eine konstant schleichende Inflation führt dazu, das Geld langsam seinen Wert verliert, was wiederum zur Folge hat, dass es nicht als Wertspeicher genutzt wird. Steigt die Inflation jedoch stark an, bricht eine Panik aus, und die Menschen kaufen Waren, nur um ihre Werte zu sichern. Das wirft noch mehr Geld auf den Markt, und eine Hyperinflation tritt ein. Die Organisation, die in unserem Geldsystem dafür sorgt, dass stets die adäquate Menge an Geld im Umlauf ist und eine schleichende Inflation von jährlich 2 % gewährleistet ist, ist die Zentral- oder Notenbank. Die Anpassung der Geldmenge in einem System erfolgt über Geldschöpfung und Geldvernichtung.

Geldschöpfung und Schulden

Unser heutiges Geld besteht aus Nullen und Einsen auf Bankcomputern, bedruckten Papierzetteln, und Münzen mit einem Materialwert, der deutlich unter deren symbolischen Wert liegt. Es hat also an sich keinen Wert und ist allein durch die realen Produkte und Dienstleistungen gedeckt, die mit ihm getauscht werden. Eine Wirtschaft wächst, wenn mehr Waren produziert und verkauft werden oder mehr Dienstleistungen angeboten und genutzt werden. Dahinter steckt die Arbeit von Menschen, die entweder mehr werden, mehr arbeiten oder produktiver arbeiten. Wächst eine Wirtschaft, sollte die Geldmenge steigen, damit Geld nicht knapp wird und eine Deflation eintritt. Dies geschieht, indem Geld schlicht und einfach gedruckt, geprägt oder auf einem Zentralbankcomputer hinzugefügt wird – aus dem Nichts. Es wäre nur fair, wenn diejenigen, die das Wirtschaftswachstum erzeugt haben, auch Nutznießer der Geldvermehrung wären. Man könnte also den Menschen das Geld einfach schenken. Doch es soll theoretisch auch die Möglichkeit geben, dass man das Geld wieder vernichten kann, wenn die Wirtschaft schrumpft. Daher kommt es als Schulden auf die Welt.

Nur Zentral- bzw. Notenbanken können Bargeld bzw. Zentralbankgeld (vgl. https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Glossareintraege/Z/zentralbankgeld.html) in den Umlauf bringen. Banken untereinander akzeptieren ausschließlich diese Form von Geld beim Ausgleich von Forderungen aus Überweisungstätigkeiten ihrer Kunden. Wenn ein Kunde von Bank A einem Kunden der Bank B Geld überweist und es finden an diesem Tag keine weiteren Transaktionen zwischen diesen beiden Banken statt, fließt zwischen den Banken Zentralbankgeld. Zentral- und Notenbanken sind normalerweise staatliche Organisationen. Eine Ausnahme bildet die Federal Reserve, kurz FED, in den USA, die sich seit 1913 in der Hand privater Banken befindet. In Europa wurden die nationalen Notenbanken wie z.B. die Deutsche Bundesbank mit dem Vertrag von Maastricht 1993 in das Europäische System der Zentralbanken eingegliedert. Das oberste Organ dieses Systems ist die Europäische Zentralbank (EZB), die von den EU-Staaten kontrolliert wird und genauso wie die Deutsche Bundesbank ihren Sitz in Frankfurt am Main hat. Normalerweise steuern die Zentralbanken die Geldmenge in einem Wirtschaftssystem über den so genannten Leitzins. Zu diesem Zinssatz, deren Erlös zurück in die jeweiligen Staatshaushalte fließt, können sich Privatbanken Geld von der Zentralbank leihen und es an ihre Kunden zu einem höheren Zinssatz weiterverleihen. Dieses Geld wird von der Zentralbank geschöpft, d.h. aus dem Nichts erschaffen. Je niedriger der Leitzins ist, desto höher ist die Motivation der Banken und deren Kunden, einen Kredit aufzunehmen, um damit reale Werte zu schaffen, z.B. mit dem Bau eines Hauses. Immerhin ist der Staat und damit die Allgemeinheit Nutznießer der Erlöse des Leitzinses. Wird das geliehene Geld an die Zentralbank zurückgezahlt, wird es wieder vernichtet. Bei negativem Wirtschaftswachstum soll so die Geldmenge in einem Wirtschaftssystem wieder schrumpfen. So jedenfalls die Theorie.

Tatsächlich können auch Privatbanken Geld aus dem Nichts schöpfen, und sie machen davon gehörig Gebrauch. Die Zauberwörter hierfür lauten Mindestreserve, Eigenkapitalquote und Kreditgewährung im Gleichschritt. Die Mindestreserve ist ein Pflichtguthaben von Zentralbankgeld der Privatbanken bei der Zentralbank. Sie soll bei einem so genannten Bank Run (alle Kunden wollen die Sichteinlagen auf ihren Giro- und Sparkonten als Bargeld ausbezahlt bekommen) die Privatbanken davor bewahren, über nicht genügend Bargeld zu verfügen. In der Eurozone beträgt dieses Guthaben 1 % der Summe aller täglich fälligen Einlagen sowie Einlagen mit einer Laufzeit bis zu zwei Jahren bzw. einer Kündigungsfrist von bis zu zwei Jahren einer Bank (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mindestreserve, https://www.bezahlen.de/lexikon/mindestreservebasis_4105.html). Die restlichen 99 % der Bankbilanz können aus so genanntem Buch- oder Giralgeld bestehen. Der eigentlich limitierende Faktor ist jedoch die seit der Finanzkrise 2007/2008 geforderte höhere Eigenkapitalquote von 8 % der Banken (vgl. https://www.sparkonto.org/eigenkapitalquote-der-banken-ist-auch-interessant-fuer-sparer/). Banken können Giralgeld durch die so genannte Kreditgewährung im Gleichschritt schöpfen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Geldtheorie#Entstehung_von_Geld, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Kreditgew%C3%A4hrung_im_Gleichschritt_(Bilanzbilder_durch_Hans_Gestrich,_1936).png).

Beispiel:
Bank A gewährt einem Kunden 10.000 Euro Kredit. Dieser kauft sich dafür ein Auto und überweist den Kaufpreis auf das Konto des Händlers bei Bank B. Bank B gewährt gleichzeitig einem ihrer Kunden einen Kredit von 10.000 Euro. Dieser kauft sich davon ein Motorrad und überweist den Kaufpreis auf das Konto des Händlers bei Bank A. Am Ende des Tages stellen beide Banken beim Clearing fest, dass sie zwar jeweils einen Kredit von 10.000 Euro vergeben haben, aber sich untereinander kein Geld schulden und daher auch kein Zentralbankgeld benötigen, um ihre gegenseitigen Forderungen auszugleichen. Beide Banken haben jeweils 10.000 Euro aus dem Nichts geschöpft und verlangen dafür von ihren Kunden Zinsen. Zahlen die Kunden ihren Kredit zurück, wird das Geld wieder vernichtet. Übrig bleibt der Erlös aus den Zinsen, welche die Banken behalten.

Giralgeld stellt kein echtes Geld dar, wird aber so behandelt, weil es theoretisch jederzeit in Bargeld umgewandelt werden kann. Hauptsächlich aufgrund des bargeldlosen Zahlungsverkehrs ist die Menge des Giralgeldes auf den Giro- und Sparkonten (Geldmenge M1) auf das Sechsfache des Bargelds angestiegen (vgl. https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Dossier/Service/schule_und_bildung_kapitel_3.html?docId=147672&notFirst=true), die Menge des Giralgeldes auf den Giro- und Sparkonten plus der Einlagen mit einer Laufzeit von über zwei Jahren (Geldmenge M2) sogar auf das Zehnfache. Dass die Mindestreserve von 1 % niemals ausreicht, diese Geldmengen in Bargeld umzuwandeln, ist nicht nur rein rechnerisch nachvollziehbar. Als die Griechen in der Griechenlandkrise befürchteten, ihr Land könnte aus der Eurozone austreten, wollten sie ihr Geld von ihren Konten abheben und standen vor verschlossenen Bankfilialen und abgeschalteten Bankautomaten, weil die Banken nicht über das Bargeld verfügten, um ihre Kunden auszubezahlen.

Egal ob durch die Zentralbank oder durch Privatbanken: Frisch geschöpftes Geld kommt immer als Schulden auf die Welt. Je mehr Geld im Umlauf ist, desto höher sind die Schulden von Staaten, Unternehmen, Banken und Privathaushalten. Tatsächlich zeigen die Entwicklungen der Geldmengen in Europa und den USA (vgl. https://www.tagesgeldvergleich.net/statistiken/geldmengen.html) im Vergleich zu den Entwicklungen der Schulden (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/154798/umfrage/deutsche-staatsverschuldung-seit-2003/, https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsverschuldung_der_Vereinigten_Staaten#/media/File:Total_US_Federal_Debt_by_President_(1940_to_2015).png) eindeutige Parallelen. Sowohl die Geldmenge als auch die Schulden wachsen beschleunigt. Doch das Wirtschaftswachstum, die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP), kann mit diesem Wachstum nicht mithalten, da es nur linear ansteigt (vgl. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reales-Bruttoinlandsprodukt-Deutschland-1950-2000.png, http://www.boersennotizbuch.de/wp-content/uploads/2009/bip_usa_real_seit_1947.png). Dies hat zur Folge, dass auch die Verschuldungsquote (Schulden im Verhältnis zum BIP) beschleunigt wächst (vgl. https://static.boerse.de/images/Infografiken/staatsverschuldung/Staatsverschuldung_Deutschland.png, http://www.markt-daten.de/blog/wordpress/wp-content/images/2009/09/20090921-fof-debt-bip.gif).

Wenn man sich zum ersten Mal mit dieser Materie beschäftigt, dauert es eine Weile, bis man sie verinnerlicht hat. Dass ausgerechnet private Unternehmen wie eine Bank die hauptsächlichen Nutznießer der Geldschöpfung sein sollen, klingt so absurd, dass man es im ersten Augenblick nicht wahrhaben will. Doch man kann es drehen und wenden, wie man will. Man kommt an den Tatsachen nicht vorbei. Selbst die Deutsche Bundesbank erklärt auf ihrer Webseite den Vorgang der Giral- bzw. Buchgeldschöpfung (vgl. https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Dossier/Service/schule_und_bildung_kapitel_3.html?notFirst=true&docId=147694#doc147694bodyText2). Hat man sich jedoch damit sowie mit der Tatsache, dass bei einem Bank Run sämtliche Banken der Eurozone sofort pleite wären, abgefunden, kommen Fragen auf:

  • Wieso überlassen die Staaten privaten Banken den Großteil des Gewinns aus Zinsen aus der Geldschöpfung? Das ist insbesondere denen gegenüber unfair, die das Wirtschaftswachstum, welches Auslöser der Geldvermehrung sein sollte, erzeugt haben. Zudem sollte die Geldschöpfung vom Wirtschaftswachstum abhängen und nicht vom Gewinnstreben privater Unternehmen wie den Privatbanken.
  • Weshalb benötigen wir überhaupt ein zweistufiges Bankensystem, um das geschöpfte Geld unter die Menschen zu bringen? Auch die Privatbanken müssen bei der Zentralbank Sicherheiten für ihre Kredite hinterlegen. Man könnte den privaten Zwischenhändler auch einfach ausschalten. Die Folge wäre ein Vollgeldsystem ohne Giralgeld.
  • Warum dürfen Privatbanken Kredite vergeben, wenn sie überhaupt nicht über das notwendige Zentralbankgeld verfügen, das hinter der Kreditmenge stehen sollte?
  • Wieso wird nach der Erfahrung in Griechenland die Mindestreserve von 1 % nicht deutlich angehoben? Diese Frage wird noch eindringlicher, wenn man weiß, dass die Mindestreserve in der Eurozone im Zuge der Griechenlandkrise von 2 auf 1 % herabgesetzt wurde (vgl. https://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Aufgaben/Geldpolitik/Mindestreserven/mindestreserven.html).
  • Weshalb weiß die Mehrheit der Menschen so wenig über das tatsächliche Funktionieren des Geldsystems, von dem ihre Existenz und ihre Zukunft abhängen?
  • Warum steigt derzeit die Inflationsrate nicht an, obwohl deutlich mehr Geld geschöpft wird, als dass es das Wirtschaftswachstum rechtfertigen würde (vgl. http://www.inflation.eu/images/charts/infl-chart-3-1-34.jpg, https://en.wikipedia.org/wiki/File:US-Inflation-by-year.png)?

Bis auf den letzten Punkt, könnte man alle anderen auch ersetzen mit der Frage: Wer regiert eigentlich in den westlichen Demokratien? Auf den letzten Punkt kann man mit ein bisschen Nachdenken eine einfache logische Antwort finden. Allein das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland liegt bei 5,7 Billionen Euro und stieg auch während der Finanzkrise stetig an (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37880/umfrage/geldvermoegen-der-privathaushalte-in-deutschland/). Bei einem BIP von 3,15 Billionen Euro (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1251/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-seit-dem-jahr-1991/) könnte man vermuten, dass ein Großteil des Vermögens für den Austausch von Waren und Dienstleistungen überhaupt nicht benötigt wird und auf irgendwelchen Sparkonten schlummert, um sich dort mithilfe von Zinsen zu vermehren. Schaut man auf die Vermögensverteilung, wird die Vermutung deutlicher. Mindesten 61 % des deutschen Vermögens ist in den Händen der reichsten 10 % des Landes. Das Durchnittsvermögen der reichsten 10 % lag 2012 bei 639.000 Euro (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland#Untersuchung_des_DIW_f%C3%Bcr_2012). Dieses Geld wird ganz sicher nicht zu 100 % gegen Güter oder Dienstleistungen getauscht. Wird Geld jedoch als Wertspeicher verwendet, dann wird es dem Geldkreislauf entzogen. Damit keine Deflation eintritt, muss geschöpftes Geld in den Kreislauf nachfließen. Hinzu kommt das Konzept des englischen Ökonomen John Maynard Keynes, während einer Wirtschaftskrise Geld nicht zu vernichten, sondern, im Gegenteil, der Krise durch neu geschöpftes Geld entgegenzuwirken. Seit den Auswirkungen der Finanzkrise auf die reale Wirtschaft erleben wir genau diese Geldpolitik der EZB. Sie hat den Leitzins nicht nur, ähnlich wie andere Industrieländer, auf annähernd 0 % herabgesetzt (vgl. https://www.finanzen.net/leitzins/), sondern mit frisch geschöpften Geld auch Staatsanleihen und Unternehmensanteile privaten Gläubigern zu überhöhten Preisen abgekauft (vgl. http://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/geldpolitik-ezb-kauft-mehr-staatsanleihen/19545268.html). Dies bedeutet, dass sowieso nie Geld vernichtet wird, selbst dann nicht, wenn die Wirtschaft schrumpft.

Zinsen und Wirtschaftswachstum

Durch dieses Vorgehen wird nicht nur die Geldmenge im Wirtschaftssystem über Gebühr erhöht, sondern auch die Möglichkeit der Geldvermehrung durch Zinsen verringert, da ein niedriger Leitzins nicht nur zu niedrigen Zinsen bei Krediten, sondern auch bei der Geldanlage führt. Hat ein Sparer Anfang der 90er Jahre noch 9 % Zinsen für sein Geld bekommen, liegt der Zinssatz Ende 2017 bei etwas mehr als 1 %, selbst bei fest angelegtem Geld. Die niedrigen Renditen treibt die Anleger zum Kauf von Aktien, was zu einer Umstrukturierung der Wirtschaft und zu Blasenbildungen wie die Dotcom-Blase und die Hypothekenblase, die in die Finanzkrise 2007/2008 mündete, führt. Es wird also immer schwieriger, Geld gewinnbringend anzulegen. Einerseits ist dies gut, weil der Wert des Geldes verfallen sollte, damit es im Geldkreislauf bleibt. Andererseits versperrt es Menschen mit nur geringem Reichtum die Möglichkeit, sich Vermögenswerte zuzulegen. Eine kapitalgedeckte Altersvorsorge kann man bei derart niedrigen Zinsen vergessen. Auch daran kann man eine gute Seite sehen, denn Geld vermehrt sich nicht von selbst. Hinter den Zinsen steckt immer eine Mehrleistung der realen Wirtschaft, sprich Arbeit. Arbeitslose Einkommen erhöhen die Ungleichheit in einem System, weil sie denjenigen, die Werte erschaffen, Teile der Erlöse ihrer Arbeit wegnehmen.

Der aktuelle Zustand wäre also gar nicht so schlecht, wenn die Umverteilung nicht bereits längst stattgefunden hätte und die beschleunigte Geldvermehrung das Risiko einer Inflation steigern würde. Diejenigen, die sich in der Vergangenheit zu relativ niedrigen Preisen Vermögenswerte wie Mietshäuser, Ländereien, Unternehmensanteile oder gar ganze Unternehmen zulegen konnten, können auch weiterhin davon profitieren. Diejenigen, die später zu den bestehenden Möglichkeiten der Vermögensbildung hinzustoßen, haben aufgrund der niedrigen Zinsen, des hohen Risikos am Aktienmarkt und den hohen Preisen für Vermögenswerte (Werte, die einen Gewinn abwerfen) kaum noch Chancen aufzuschließen. Die materielle Ungleichheit wird durch die Geldschwemme gefestigt und ausgebaut. Unser Wirtschaftssystem zeigt alle Anzeichen eines Schneeballsystems, das am Ende nur wenige Gewinner und ganz viele Verlierer hervorbringt.

Dass sich ein solches System nicht ewig aufrecht erhalten lässt, zeigt das Beispiel des Josephspfennigs (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Josephspfennig, https://www.zinsen-berechnen.de/zinsrechner.php). Exponentiell gesteigerte Gewinnerwartung aus dem Anlegen von Geld kann niemals durch ein lineares Wirtschaftswachstum befriedigt werden. Es muss alle paar Jahrzehnte zusammenbrechen, um zu funktionieren. Dann wird Geld im großen Stil vernichtet, Schulden verschwinden, relative Gleichheit wird wiederhergestellt und das Schneeballsystem kann von vorne beginnen. Das letzte Mal in Deutschland fand eine Geldvernichtung im Zuge der Wiedervereinigung 1990 statt. Nur geringe Beträge zwischen 2.000 und 6.000 Ostmark wurden 1:1 gegen D-Mark umgestauscht. Alles, was darüber lag, wurde 2:1 bzw. 3:1 umgetauscht (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungs-,_Wirtschafts-_und_Sozialunion#Umtauschkurse). Dadurch wurde die Geldmenge in den neuen Bundesländern verringert.

Während der Währungsreform 1948 wurde die Reichsmark sowohl in Westdeutschland als auch in der Sowjetischen Besatzungszone grob im Verhältnis 10:1 gegen D-Mark bzw. Ostmark umgetauscht, die Geldmenge also drastisch verringert (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungsreform_1948_(Westdeutschland), https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_(DDR)#Einf%C3%BChrung). Vorausgegangen war der Zweite Weltkrieg, in dem Nazi-Deutschland mit einer expansiven Geldpolitik seine Rüstung finanziert hatte.

Auch der Erste Weltkrieg war im Deutschen Reich mit einer expansiven Geldpolitik finanziert worden. Nach der Niederlage kamen horrende Reparationszahlungen an die Siegermächte obendrauf, was die deutsche Regierung mit noch mehr geschöpftem Geld zu finanzieren versuchte. Dies führte zur Hyperinflation von 1923 im Deutschen Reich, welche mit der Einführung der Rentenmark gelöst wurde. 1 Billionen Mark wurden gegen eine Rentenmark gewechselt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923#Einf%C3%BChrung_der_Rentenmark_und_Ende_der_Inflation). Unmengen an Geld wurden vernichtet, und Schulden lösten sich in Luft auf. Leidtragende waren die Angehörigen der Mittelschicht, deren gesamtes Erspartes verloren ging. Diejenigen, die über realwirtschaftlichen Besitz verfügten, waren deutlich weniger betroffen und profitierten sogar vom Wegfall der Schulden. Bereits sechs Jahre später wurde die junge Weimarer Republik durch die Weltwirtschaftskrise, die Folge einer Wachstumsblase in den USA auf der Basis von faulen Krediten, also einer Geldvermehrung, erneut gebeutelt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Weltwirtschaftskrise).

Geldschöpfung im Rahmen eines Wirtschaftswachstums und Geldvernichtung bei schrumpfender Wirtschaft hören sich in der Theorie vernünftig an. In der Praxis schöpfen jedoch die Privatbanken durch Zinsen auf frisch geschöpftes Geld die Gewinne des Wirtschaftswachstums ab, das von der Klasse der Arbeitenden erbracht wurde. Wenn es zu einer Geldvernichtung kommt, dann immer zu Hauptlasten derjenigen, die nur über ein bescheidenes Geldvermögen und keinen realwirtschaftlichen Besitz verfügen. Eigentlich sollte bei einer schrumpfenden Wirtschaft Geld durch das Rückzahlen von Schulden vernichtet werden. Diejenigen, die über viel Geld verfügen, könnten es verwenden, um z.B. die hohen Staatsschulden zu begleichen. Dadurch würde die Geldmenge schrumpfen und auf friedlichem Wege wieder etwas mehr Gleichheit in der Gesellschaft hergestellt. Niemand gibt jedoch Geld freiwillig her, schon gar nicht für die Allgemeinheit. Daher müsste man die Klasse der Reichen und Besitzenden zu diesem Schritt durch Erhöhung von Spitzensteuersatz oder Erbschaftssteuer zwingen, wozu es wiederum einer entsprechenden öffentlichen Meinung und Politik bedarf. Wenn die einflussreichsten Medien eines Landes jedoch ausgerechnet von der reichsten Klasse kontrolliert werden, kann man auf diesen vernünftigen Schritt lange warten. Stattdessen wird immer neues Geld in das Wirtschaftssystem gepumpt, wodurch das bestehende Geld entwertet und weitere Schuldenberge aufgetürmt werden.

Fazit

Der Kapitalismus ist ein System, das zunächst bei relativer Gleichverteilung von Geld und Besitz zu einem Wirtschaftsaufschwung führt. Doch es ist so angelegt, dass die materielle Ungleichheit auf Kosten der Besitzlosen immer größer wird und diese sich verfestigt. Am Ende zerstört es sich gewaltsam selbst, um sich wie ein Phönix aus der Asche zu erheben, und ein neuer Zyklus beginnt wieder von vorne. Im 20. Jahrhundert fanden in Europa gleich mehrere dieser Zusammenbrüche statt. Der bedeutendste war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der durch überbordende Geldvermehrung aufgrund der Finanzierung von Aufrüstung und Reparationszahlungen sowie durch die darauffolgende Wirtschaftskrisen kaskadenartig den Zweiten Weltkrieg zur Folge hatte. Vor 1914 waren Vermögen und Einkommen in Europa und den USA extrem ungleich verteilt (vgl. http://blog.zeit.de/herdentrieb/2014/01/17/einkommen-und-vermogen-sind-ungleich-verteilt-ein-erklarungsversuch_6952). Seit Ende des Zweiten Weltkrieges erleben die USA und Europa eine erneute Umverteilung der Vermögen von Arm nach Reich, welche die Gefahr eines Zusammenbruchs immer wahrscheinlicher macht. Nur eine durch die Politik initiierte Geldvernichtung, d.h. Schuldenabbau, könnte diese Entwicklung friedlich verhindern. Doch wenn selbst eine sozialdemokratische Regierung den Spitzensteuersatz senkt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Steuerreform_2000_in_Deutschland), die Erbschaftsteuer nicht erhöht (vgl. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/erbschaftsteuer-schroeder-und-eichel-wollen-keine-erhoehung-a-125224.html), die Staatsschulden ausweitet (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsverschuldung_Deutschlands#Entwicklung_der_Staatsverschuldung_in_Deutschland), die Armut vergrößert (vgl. https://www.heise.de/tp/features/Bundesregierung-hat-die-Armut-stark-vergroessert-3675653.html) und sich an völkerrechtswidrigen Kriegen beteiligt (vgl. http://www.taz.de/!5165840/), dann stirbt die Hoffnung auf eine friedliche Auflösung der Ungleichverteilung.

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