Mainstream und Medien im Westen

Aus Wikipedia:
Mainstream (engl. Hauptströmung) spiegelt den kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit wider, den Massengeschmack der Massenkultur im Gegensatz zu Subkulturen oder dem ästhetischen Underground. Es entspricht damit weitgehend dem Begriff der populären Kultur. Im Bereich der Medien ist der Begriff oft verknüpft mit dem Begriff der Leitmedien und drückt einen Anspruch auf Qualität aus. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mainstream)

Als Leitmedien werden in der Publizistik- und Medienwissenschaft Einzelmedien bezeichnet, denen eine ausgeprägte „Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt“. Der Begriff wird für einzelne Medienangebote gebraucht, die einen besonders starken Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf andere Massenmedien ausüben. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Leitmedium)

Schaut man sich die Definition von Mainstream an, wird sofort eine logische Schwachstelle deutlich: Wie ist eine Massenkultur ohne ein Massenmedium überhaupt möglich? Menschen haben immer diejenigen Rohstoffe für den Bau ihrer Häuser, für ihre Nahrung und Kleidung verwendet, die sie regional vorgefunden haben. Daraus sind regional begrenzte Traditionen und Kulturen entstanden, die zuweilen bis heute fortleben. Eine überregionale Massenkultur wäre ohne industrielle Massenproduktion, einer dementsprechenden logistischen Infrastruktur und überregionale Massenmedien überhaupt nicht möglich. Daher müsste die Definition genau umgekehrt lauten: Der kulturelle Geschmack einer großen Mehrheit spiegelt den Mainstream wider, der im Kontext industrieller Massenproduktion und Güterverteilung von den Massenmedien konstruiert wird.

Fast alle Informationen zum Weltgeschehen und der Politik entnehmen die Menschen den Medien. Eine politische Meinungsbildung ohne Medien ist annähernd unmöglich. Mainstream-, Massen- oder Leitmedien geben daher nicht die öffentliche Meinung wieder, sondern entscheiden durch Weglassen, Hervorheben und Interpretation, über was überhaupt auf welche Art und Weise öffentlich diskutiert wird. Medien haben in unserer Gesellschaft die Funktion eines Gatekeepers. Sie filtern und reduzieren Information sowie bearbeiten und modifizieren sie u.a. auf der Basis der persönlichen Meinung eines Journalisten oder des Werteklimas der Medienorganisation (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gatekeeper_(Nachrichtenforschung)).

Der Mainstream stellt nicht den Konsens der Mehrheit einer Gesellschaft dar, sondern konstruiert diesen erst. Ob der öffentliche Konsens zu einem Thema wahrhaftig ist, d.h., ob er mit wissenschaftlichen Erkenntnissen oder Tatsachen übereinstimmt, hängt von der Unabhängigkeit, Neutralität und Qualität der Leitmedien ab. Die Leitmedien in Deutschland sowie in anderen Ländern der westlichen Wertegemeinschaft schreiben sich exakt diese Eigenschaften selber zu: unabhängig, neutral, wahrhaftig. Da sie als Gatekeeper fundamentale Kritik an sich selbst herausfiltern können, ist weiten Teilen der Gesellschaft, die sich ausschließlich über diese Medien informieren, überhaupt nicht bewusst, dass diese Eigenschaften nur bedingt mit der Realität übereinstimmen.

Unabhängigkeit hinsichtlich der Einnahmen

Die Presse sowie private Fernseh- und Radiosender sind keine Organisationen, die sich als primäres Ziel die wahrhaftige Information ihrer Konsumenten gesetzt haben. Sie sind gewinnorientierte Unternehmen, deren Eigentümer einem Verdrängungsmarkt ausgesetzt sind, in dem am Ende nur wenige einflussreiche Medienkonzerne übrig bleiben. Die Haupteinnahmequelle eines Mediums sind auch nicht die Konsumenten, sondern Werbekunden, welche Anzeigen in dem jeweiligen Medium schalten. Dies gilt insbesondere für das Privatfernsehen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Privatfernsehen#Finanzierung_und_Marktanteile), das Privatradio sowie Online-Zeitungen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Internet-Zeitung), die ihr öffentliches Angebot allesamt zu fast 100 % aus Werbeeinnahmen finanzieren. Bei Printmedien ergibt sich der Umsatz zur Hälfte aus Werbeeinnahmen und zur anderen Hälfte aus dem Verkauf an die Nutzer (vgl. http://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Wie_sich_eine_Zeitung_finanziert.pdf). Die öffentlich-rechtlichen Medien ARD, ZDF und Deutschlandradio finanzierten sich 2011 aus 7,5 Milliarden Euro GEZ-Gebühren und 290 Millionen Euro Werbe- und Sponsoringeinnahmen (vgl. https://www.merkur.de/tv/gez-nehmen-oeffentlich-rechtlichen-3257894.html). Dies entspricht einem Anteil der privaten Finanzierung von ca. 4 %.

Ein Geschäftsmodell, das zu 50-100% auf Werbeeinnahmen beruht, kann man nicht als unabhängig bezeichnen. Hauptziel der privaten Medienunternehmen ist die Ausweitung der Reichweite, um den Erlös aus den Werbeeinnahmen zu steigern. Fundamentale Kapitalismuskritik wird man daher in diesen Medien kaum finden.

Unabhängigkeit hinsichtlich einflussreicher Unternehmen und Personen

Da die Konzentration der Besitzverhältnisse im deutschen wie internationalen Medienmarkt stark zugenommen hat, ist es zudem interessant zu wissen, wie viele Organisationen und Menschen letztendlich diesen Markt beherrschen. Wer sind die einflussreichsten Unternehmen und Personen der deutschen Leitmedien?

Der deutsche Fernsehmarkt wird zu ca. 48 % von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern abgedeckt. ARD und ZDF sowie in Kooperation mit öffentlich-rechtlichen Sendern aus Österreich, Frankreich und der Schweiz betreiben die Sender ARD-Dritte, ZDF, ARD Das Erste, ZDFneo, 3SAT, arte, ZDFinfo, Phoenix und ARD/ZDF Kinderkanal. Mit ca. 21 % Markanteil folgt die RTL Group, deren Haupteigentümer Bertelsmann ist. Sie betreibt die Sender RTL, VOX, RTL II, SUPER RTL, NITRO, RTLplus und N-TV. Auf dem dritten Platz liegt ProSiebenSat.1 Media SE mit ca. 17 %. Die Aktiengesellschaft, die sich im Streubesitz befindet, ist durch die Sender Sat.1, ProSieben, kabel eins, SAT.1 Gold, sixx und ProSieben MAXX bekannt. Mit jeweils ca. 1 % Marktanteil folgen amerikanische Firmen wie Discovery Communications (DMAX, Eurosport, TLC), Viacom (Nickelodeon, COMEDY CENTRAL, VIVA), Time Warner (TNT Film, TNT Serie, Boomerang, Cartoon Network) und The Walt Disney Company (Disney Channel). Mit jeweils ca. 1 % sind auch die beiden deutschen Unternehmen Constantin Medien (SPORT1) und Tele5 vertreten (vgl. https://www.agf.de/daten/tvdaten/marktanteile). Die restlichen Sender haben einen Marktanteil von unter 0,1 %.

Der deutsche Radiomarkt wird zu ca. 60 % von den Radiosendern der ARD abgedeckt. Die beliebtesten privaten Radiosender Radio NRW, Antenne Bayern, Bayern Funkpaket, Radio FFN, Antenne Niedersachsen weisen mehrheitlich Beteiligungen von der RTL Group (Bertelsmann), Springer, Funke Mediengruppe, Hubert Burda Media sowie verschiedenen Tageszeitungen auf. Lediglich das Hit Radio FFH ist von der Besitzstruktur unabhängig von großen Medienkonzernen (vgl. http://www.radiowoche.de/ma-2015-radio-ii-top-20-die-meistgehoerten-radioprogramme-in-deutschland/).

Im Printbereich sind nach einer Befragung unter Journalisten die wichtigsten Leitmedien die Süddeutsche Zeitung (35 %), der Spiegel (34 %), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (15 %), die Zeit (11 %) und Bild (10 %) (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Leitmedium#Deutschsprachig). Die sieben auflagenstärksten überregionalen Tageszeitungen waren im 4. Quartal 2016 Bild (1.622.624 Exemplare), die Süddeutsche Zeitung (367.579 Exemplare), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (252.253 Exemplare), die Welt (182.079 Exemplare), das Handelsblatt (125.600 Exemplare), die Tageszeitung (51.614 Exemplare) und Neues Deutschland (27.096 Exemplare) (vgl. http://www.print.de/Top-10/Top-10-Produkte/Ueberregionale-Tageszeitungen-verkaufte-Auflagen-laut-IVW#image).

Die Süddeutsche Zeitung gehört seit 2008 mehrheitlich (81,25 %) der Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH), die u.a. auch die Stuttgarter Nachrichten sowie die Stuttgarter Zeitung besitzt. Die Haupteigner der SWMH setzen sich mit je 47,5409 % aus der Medien-Union GmbH und der Gruppe Württembergischer Verleger zusammen. Mehrheitlicher Eigentümer der Medien-Union GmbH, zu der auch die Chemnitzer Freie Presse gehört, ist der Milliardär Dieter Schaub (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%Bcdwestdeutsche_Medien_Holding, https://de.wikipedia.org/wiki/Medien_Union, https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Schaub).

Der Spiegel-Verlag mit den wöchentlich erscheinenden Zeitschriften Der Spiegel (775.833 Exemplare) und Manager-Magazin gehört nach dem Willen des Gründers Rudolf Augstein zu 50,5 % der Kommanditgesellschaft der Mitarbeiter (derzeit 750-800 Personen), zu 25,5 % Gruner + Jahr (100 %ige Tochter von Bertelsmann) und zu 24 % den Erben Augsteins. Bertelsmann besitzt damit beim Spiegel die für die Sperrminorität notwendigen 25 % Beteiligung (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Spiegel#Spiegel-Verlag, https://de.wikipedia.org/wiki/Spiegel-Mitarbeiter_KG). Eigentümer von Bertelsmann sind zu 19,1 % die Familie Mohn sowie zu 80,9 % die Bertelsmann-Stiftung, die jedoch keine Stimmrechte besitzt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bertelsmann#Eigent%C3%Bcmer). Vorsitzende der Gesellschafterversammlung und des Lenkungsausschusses der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft, Mitglied der Aufsichtsratsgremien von Bertelsmann sowie stellvertretende Vorsitzende des Vorstands und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung ist die Milliardärin Liz Mohn (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liz_Mohn, https://www.forbes.com/profile/elisabeth-mohn/). Über die 100 %ige Bertelsmann-Tocher Gruner + Jahr gehören zu Bertelsmann zudem u.a. die Zeitschriften Brigitte, Capital, Gala, Geo-Magazine, National Geographic Deutschland, P.M. Magazin, Schöner wohnen und der Stern (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gruner_%2B_Jahr).

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) gehört zu 93,7 % der Fazit-Stiftung. Die Gesellschafter der Stiftung setzen sich derzeit (2018) zusammen aus: zwei Vertreter der Pharma-Industrie, ein Vertreter einer Bank, ein ehemaliger Geschäftsführer des Spiegel-Verlages, ein Verleger, ein Anwalt sowie ein ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Kaufhof (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Allgemeine_Zeitung, https://de.wikipedia.org/wiki/Fazit-Stiftung).

Die wöchentlich erscheindende Zeit (489.611 Exemplare) gehört zu 50 % der DvH Medien (DvH = Dieter von Holtzbrinck) sowie zu 50 % der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, dessen Gesellschafter die Geschwister Stefan von Holtzbrinck und Monika Schoeller sind. Dieter und Stefan von Holtzbrinck sind Halbbrüder (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/DvH_Medien, https://de.wikipedia.org/wiki/Verlagsgruppe_Georg_von_Holtzbrinck). Zur DvH Medien gehören zudem noch das Handelsblatt und der Tagesspiegel. Das Vermögen der Holtzbrinck-Familie wurde 2006 auf 2,4 Milliarden Dollar geschätzt (vgl. https://www.forbes.com/lists/2006/10/MS4F.html), das von Dieter von Holtzbrinck 2008 auf 1,3 Milliarden Dollar (vgl. https://www.forbes.com/lists/2008/10/billionaires08_Dieter-von-Holtzbrinck_MS4F.html).

Die Bild-Zeitung, auflagenstärkste Tageszeitung nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas, sowie die Welt gehören zur Axel Springer SE, deren Eigentümer sich aufteilen in: die Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. (47,3 %), die US-amerikanische Investmentfirma General Atlantic (8,3 %), Friede Springer (5,1 %), der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer SE Mathias Döpfner (2,8 %) und Streubesitz (36,5 %). Friede Springer hält zudem 90 % an der Axel Springer Gesellschaft für Publizistik GmbH & Co. und ist damit größte Anteilseignerin des Unternehmens (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Springer_SE#Aktion%C3%A4re). Sie verfügt über ein Vermögen von 5,7 Milliarden Dollar (vgl. https://www.forbes.com/profile/friede-springer/).

Die Tageszeitung (taz) gehört der taz.genossenschaft mit 17.181 Mitgliedern (Stand September 2017), dessen höchstes Organ die jährliche Generalversammlung darstellt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Taz.genossenschaft).

Die Zeitung Neues Deutschland gehört zu 50 % der Föderativen Verlags-, Consulting- und Handelsgesellschaft mbH (FEVAC), treuhänderisch für die Partei Die Linke, sowie zu 50 % der Communio Beteiligungsgenossenschaft eG. Von 1946 bis 1989 war die Zeitung in der DDR das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_Deutschland).

Wertet man obenstehende Zahlen aus, dann ergibt sich ein eindeutiges Bild hinsichtlich des Einflusses einzelner Personen auf die öffentliche Meinung in Deutschland: Gemessen an den Auflagen kontrollieren vier Milliardäre (Friede Springer, Liz Mohn, Dieter Schaub, Dieter von Holtzbrinck) über Mehrheitsanteile bzw. Sperrminoritäten 93 % der deutschen Leitmedien im Printbereich sowie drei Milliardäre (Friede Springer, Dieter Schaub, Dieter von Holtzbrinck) 87,5 % der überregionalen Tageszeitungen.

Neben den bereits genannten Medienkonzernen kontrollieren noch drei weitere Unternehmen über Eigentumsmehrheit oder als große Minderheitsgesellschafter den Großteil des restlichen Marktes an Zeitschriften und Regionalzeitungen sowie das private Radio:

  • Funke Mediengruppe: Tageszeitungen: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, die Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung, die Westfälische Rundschau in Essen, die Westfalenpost in Hagen, den Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung, die Thüringer Allgemeine in Erfurt, die Ostthüringer Zeitung in Gera, die Thüringische Landeszeitung in Weimar, die Braunschweiger Zeitung, den Harz Kurier in Osterode am Harz, das Hamburger Abendblatt und die Bergedorfer Zeitung in Hamburg sowie die Berliner Morgenpost; Zeitschriften: Gong, Bild+Funk, Hörzu, Bild der Frau, TVdirekt, Die Aktuelle, Das Goldene Blatt und Echo der Frau (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Funke_Mediengruppe)
  • Hubert Burda Media: Bunte, Chip, Focus, Freizeit Revue, InStyle, SuperIllu, Playboy (weitere Unternehmen und Online-Plattformen: Cyberport, HolidayCheck Group, Xing) (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hubert_Burda_Media)
  • Bauer Media Group: u.a. Bravo, Auto Zeitung, Cosmopolitan, Fernsehwoche, TV Movie, TV Hören und Sehen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bauer_Media_Group)

Von Unabhängigkeit geschweige den Vielfalt kann man also kaum reden, wenn sieben Medienkonzerne fast den kompletten deutschen Printmarkt sowie einen Großteil des privaten Radios abdecken, und zwei Medienkonzerne (Bertelsmann und ProSiebenSat.1 Media SE) den Großteil des privaten TV-Marktes beherrschen.

Zum Glück gibt es ja noch die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radioanstalten, könnte man nun meinen. Doch diese werden durch Rundfunkräte kontrolliert, in denen mehrheitlich Vertreter der Regierungsparteien sitzen, was immer wieder zu Vorwürfen der einseitigen Berichterstattung führt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/ARD#Rezeption,_Medienkritik_und_Kontroversen, https://de.wikipedia.org/wiki/ZDF#Rezeption,_Medienkritik,_Kontroversen_und_Skandale). Kritik an der Regierungspolitik wird man daher in den öffentlich-rechtlichen Medien kaum finden. Da seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 die Bundes- und Landespolitik maßgeblich von den Parteien CDU und SPD, welche beide zum Kapitalismus und zum Neoliberalismus stehen, bestimmt wird, wird man in den öffentlich-rechtlichen Medien auch keine fundamentale Kritik am Wirtschaftssystem in Deutschland und der westlichen Welt finden. Fast der komplette deutsche Medienmarkt steht folglich einem ökonomischen System, das zyklisch wiederkehrend durch Umverteilung der materiellen Ressourcen von Arm nach Reich zu Wirtschaftskrisen und Kriegen führt sowie durch seine Gewinnorientierung und Ressourcenausbeutung keine notwendigen radikalen Lösungen für die Vermeidung des Klimawandels findet, vollkommen kritiklos gegenüber.

Neutralität

Öffentlich-rechtliche Medien, die maßgeblich von den beiden neoliberal orientierten Regierungsparteien CDU und SPD kontrolliert werden, können nicht politisch neutral sein. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Der Neoliberlismus ist politisch rechts einzuordnen (vgl. https://lobbypedia.de/wiki/Neoliberalismus), so dass linke Meinungen kaum, nur noch in Nischenformaten oder als Satire im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Radiorundfunk auftauchen. Die rechte AfD steht dem Neoliberalismus zwar positiv gegenüber, setzt jedoch offen auf Nationalismus und Fremdenangst. Diese Einstellung gilt zwar prinzipiell subtil auch für alle anderen Parteien, ist aber im öffentlichen Meinungsbild aufgrund der deutschen Geschichte verpönt. Die Deutschen geben sich gerne als weltoffen und humanistisch. Doch eine große Mehrheit ist für eine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen (vgl. https://yougov.de/opi/surveys/results/#/survey/f51e1b80-c017-11e5-8a6f-005056904df0/question/4a40d8a0-c018-11e5-8a6f-005056904df0/politics) und ist der Meinung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland (vgl. https://yougov.de/news/2015/09/24/der-islam-gehort-fur-viele-immer-noch-nicht-zu-deu/), obwohl er nach dem Christentum die größte religiöse Minderheit in Deutschland darstellt (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Religionen_in_Deutschland#Religionszugeh%C3%B6rigkeit_in_Deutschland). Fast die komplette Medienlandschaft unterstützt sie bereitwillig bei ihrer widersprüchlichen Haltung, indem sie offene rechte Meinungen ablehnt und geringschätzt. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Wenn auf der anderen Seite jedoch die Ursachen für Kriegs- und Wirtschaftsflucht nicht näher beleuchtet werden, dann mutet das Vorgehen der Medien eher als Heuchelei an.

Bei den privaten Medien sieht es nicht anders aus. Erst der Neoliberalismus, ein entgrenzter und deregulierter Kapitalismus, ermöglicht unverschämten Reichtum. Auf der ganzen Welt gibt es derzeit nur 2.000 Dollarmilliardäre, allerdings mit steigender Tendenz, was man auch als Beweis für den Siegeszug dieser Wirtschaftsform verstehen kann (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/220002/umfrage/anzahl-der-dollar-milliardaere-weltweit/). Wenn vier Milliardäre die einflussreichsten Printmedien und privaten Fernseh- sowie Radiosender mit der größten Reichweite in Deutschland kontrollieren, dann können diese Medien nicht politisch neutral sein und müssen dem rechten Lager zugeordnet werden. Auch dieser logische Schluss gebietet der gesunde Menschenverstand, selbst wenn Zeitungen und Zeitschriften wie die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel oder der Stern von manchen Medienforschern als tendenziell links eingeordnet werden. Kein Unternehmer geht gegen ökonomische und politische Grundrichtungen vor, auf Basis derer sein Erfolg fußt.

Eigentümer von Medienkonzernen und Rundfunkräte üben ihre Kontrolle nicht aus, indem sie jeden einzelnen Artikel eines Redakteurs lesen und freigeben. Die politische Ausrichtung und Steuerung von Medieninhalten erfolgt wie in jedem anderen Großunternehmen über die Auswahl der jeweiligen Geschäftsführung und der Chefredakteure. Als die Südwestdeutsche Medien Holding 2008 den Mehrheitsanteil an der Süddeutschen Zeitung übernahm, wurde die Geschäftsführung des Süddeutschen Verlages „neu aufgestellt“ (vgl. https://www.swmh.de/presse/pm-swmh-neue-fuehrung/). Der Fall des ehemaligen ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zeigt, wie Regierungspolitiker direkten Einfluss auf die Absetzung unliebsamer Verantwortlicher bei öffentlich-rechtlichen Medienanstalten nehmen. Brender hatte u.a. 2003 mit seinem Team beim ZDF die Behauptung der US-Regierung hinterfragt, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen, was insbesondere von führenden CDU- und CSU-Politikern als amerikafeindliche Berichterstattung gewertet wurde (vgl. http://www.deutschlandfunk.de/zdf-staatsvertrag-der-fall-brender-und-die-freiheit-des.724.de.html?dram:article_id=322898).

Der Fall Brender weist auf eine weitere, informelle Kontrolle der deutschen Leitmedien hin, die von deren Eigentümern bzw. Kontrollinstanzen zumindest toleriert, wenn nicht sogar ausdrücklich gewünscht wird. Deutsche Top-Journalisten öffentlich-rechtlicher und privater Leitmedien ebenso wie deutsche Führungspolitiker sind in transatlantische Lobbyorganisationen und Think Tanks wie zum Beispiel die Atlantik-Brücke (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke), die Bilderberg-Konferenz (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bilderberg-Konferenz) oder die Trilaterale Kommission eingebunden (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Trilaterale_Kommission). Das Ziel dieser Organisationen ist es, dafür zu sorgen, dass die geostrategischen Positionen und Aktionen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik#Angloamerikanische_Geopolitik) der Vereinigten Staaten von Amerika medial flankiert und ggf. gedeckt werden. Anders ausgedrückt: Die westlichen Medien inklusive der deutschen sind ein gezielt genutztes und kontrolliertes Propagandainstrument der US-amerikanischen Außenpolitik (vgl. https://swprs.org/die-propaganda-matrix/).

Für Menschen, die sich ausschließlich über Mainstream-Medien informieren, klingt diese Feststellung so absurd, dass sie diese automatisch in dem Bereich verschwörungstheoretischer Aluhutträger verorten. Dass Ergebnisse von Forschungen an US-amerikanischen und europäischen Universitäten diese Sichtweise bestätigen, ist den meisten Menschen unbekannt, da die daraus gewonnenen Erkenntnisse von den Mainstream-Medien größtenteils herausgefiltert werden. Eine reflexive Medienkritik wird man innerhalb eines Mediums kaum finden, denn jede Zeitung sowie jeder Fernseh- und Radiosender behaupten von sich, wahrhaftig zu berichten. Um eine möglichst neutrale Position einzunehmen, muss man sich der akademischen Forschung zuwenden. Bereits Ende der 1980er Jahre veröffentlichten Noam Chomsky und Edward Herman das Propagandamodell, in dem sie fünf verschiedene Eigenschaften der Medienindustrie beleuchten, die eine Einflussnahme einer elitären Oberschicht auf die Berichterstattung begünstigen (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Propagandamodell). 2014 erschien die Dissertation von Uwe Krüger mit dem Titel „Meinungsmacht“, in der untersucht wird, wie die persönliche Verflechtung in Elitennetzwerke der fünf Top-Journalisten Markus Schächter (ZDF-Intendant), Klaus-Dieter Frankenberger (verantw. Redakteur für Außenpolitik der F.A.Z.), Stefan Kornelius (Ressortleiter Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung), Michael Stürmer (Chefkorrespondent der Welt), Josef Joffe (Mitherausgeber der Zeit) sowie weiterer Journalisten in hohen Positionen Einfluss auf ihre Berichterstattung zugunsten höherer Militärausgaben und mehr militärisches Engagement von Deutschland hat (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Kr%C3%BCger).

Wahrhaftigkeit

In einer Umfrage der US-amerikanischen Zeitung Washington Post, die zwischen dem 07. und 11. August 2003 durchgeführt wurde, gaben 69 % der befragten Amerikaner an, dass der irakische Präsident Saddam Hussein direkt in die Anschläge vom 11. September 2001 involviert gewesen war (vgl. http://www.washingtonpost.com/wp-srv/politics/polls/vault/stories/data082303.htm). Die Washington Post, eines der wichtigsten Leitmedien in den USA, begründet diesen Irrglauben damit, dass führende Regierungsmitglieder und Berater wie George W. Bush, Dick Cheney und Richard Perle in ihren Reden und Statements im Vorfeld des Angriffs auf den Irak, der am 20. März 2003 begann, immer wieder eine Verbindung zwischen Al-Qaida und dem Irak hergestellt hätten (vgl. https://www.washingtonpost.com/archive/politics/2003/09/06/hussein-link-to-911-lingers-in-many-minds/7cd31079-21d1-42cf-8651-b67e93350fde/). Doch diese Begründung lässt einen entscheidenden Aspekt aus: Das Meinungsbild der Amerikaner fußt fast ausschließlich auf der Berichterstattung der Medien. Wäre die Berichterstattung der amerikanischen Medien unabhängig und neutral gewesen und hätte sie auf Wahrhaftigkeit fokussiert, wären die Amerikaner darüber informiert gewesen, dass die Behauptungen der Bush-Administration bereits zum Zeitpunkt der Äußerung nicht im Geringsten mit der Faktenlage übereinstimmten und dass führende Oppositionspolitiker wie Al Gore und Donna Brazile von der Demokratischen Partei die Verbindung zwischen dem Irak und Al-Qaida als Kriegslüge eingeschätzt hatten. Die zu 69 % falsch informierte US-amerikanische Öffentlichkeit ist eine „Smoking Gun“ für die einseitige, abhängige und unwahrhaftige Berichterstattung der US-amerikanischen Medien.
Auch hinsichtlich der Berichterstattung deutscher Leitmedien zu bedeutenden Themen des zeitgenössischen Weltgeschehens finden sich immer wieder Belege für eine einseitige und nicht neutrale Darstellung. Forscher und Kontrollinstitutionen kritisieren regelmäßig diesen Umstand und liefern sogar empirische Beweise.

Griechenlandkrise

Für eine Studie der Otto Brenner Stiftung aus dem Jahr 2016 untersuchten Kim Otto, Professor für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg, und sein Team die kompletten Nachrichtenmeldungen von ARD und ZDF zur Griechenlandkrise im Jahr 2015. Bei der empirischen Auswertung ihres Datenmaterials kommen sie zu dem Schluss, dass die Berichterstattung der Nachrichtenredaktionen beider öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zulasten der griechischen Regierung unausgewogen und nicht neutral war sowie eine mangelnde analytische Qualität aufwies (vgl. https://www.otto-brenner-shop.de/publikationen/obs-arbeitshefte/shop/die-griechen-provozieren-ah87.html).

Ukraine-Konflikt

Der Programmbeirat der ARD, eine beratende Kontrollinstanz aus Vertretern der Landesanstalten des öffentlich-rechtlichen Senders, welche die Interessen der Zuschauer vertreten soll, kritisierte auf seiner Sitzung im Juni 2014 die ARD-Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt als voreingenommen sowie tendenziell gegen Russland und russische Positionen gerichtet. Eine inhaltliche Zusammenfassung des nicht mehr öffentlich zugänglichen Protokolls der Sitzung findet sich auf Telepolis (vgl. https://www.heise.de/tp/features/Ukraine-Konflikt-ARD-Programmbeirat-bestaetigt-Publikumskritik-3367400.html). Auf Anfrage von Telepolis lautete die Reaktion der ARD: „Wichtige Entscheider wie der Intendant Tom Buhrow und der Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, beide aus dem WDR, werben intern offensiv für eine redaktionelle Linie, die sich darauf konzentriert, die ‚westlichen Positionen zu verteidigen‘“ (Zitat aus dem Telepolis-Artikel). Jörg Schönenborn ist Mitglied der Atlantik-Brücke (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Sch%C3%B6nenborn). Tom Buhrow steht der Atlantik-Brücke nahe (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Buhrow#Mitgliedschaften_und_Funktionen).

Flüchtlingskrise

In einer weiteren Studie der Otto Brenner Stiftung aus dem Jahr 2017 untersuchten Michael Haller, Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik und Wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung an der Uni Leipzig, und sein Team die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise in den Leitmedien F.A.Z., Süddeutsche Zeitung, die Welt und Bild, in über 80 verschiedenen Regional- und Lokalzeitungen sowie in den Online-Zeitungen focus.de, tagesschau.de und Spiegel Online (vgl. https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/Aktuelles/AH93/AH_93_Haller_Web.pdf). Auszug aus den Ergebnissen der Studie:

  • S. 134, Punkt 7: „Die Berichterstattung in den drei Leitmedien [Süddeutsche, FAZ, die Welt] ist zu großen Teilen auf die (partei)politische Arena der Koalitionspartner fixiert. Diejenigen, die sich in den Behörden und Einrichtungen um die Bewältigung der ungeheuren Aufgaben und Probleme des Vollzugsalltags kümmerten, erscheinen aus der medial vermittelten Sicht der politischen Elite als nicht relevant.“
  • S. 134, Punkt 8: „Der journalistische Qualitätsgrundsatz, aus neutraler Sicht sachlich zu berichten, wird in rund der Hälfte der Berichterstattungen nicht durchgehalten. Insbesondere die Art und Weise, wie über die Positionierung eines Politikers berichtet wird, ist oftmals wertend und beurteilend, bei Vertretern der Opposition mitunter auch „von oben herab“. Zudem schreiben die Korrespondenten nicht selten in einer Diktion, die persönliche Nähe, auch Vertrautheit zur politischen Elite suggeriert (auktorialer Duktus).“

Syrien-Konflikt

Das schweizer Forschungs- und Informationsprojekt zu geopolitischer Propaganda „Swiss Propaganda Research“ veröffentlichte im Juni 2016 eine Fallstudie zur Berichterstattung in der Syrien-Krise von jeweils drei Leitmedien im Printbereich aus Deutschland (die Welt, die Süddeutsche Zeitung, F.A.Z.), Österreich (der Standard, der Kurier, die Presse) und der Schweiz (Neue Zürcher Zeitung, Zürcher Tagesanzeiger, Basler Zeitung) im Zeitraum zwischen dem 01. und 15. Oktober 2015 (vgl. https://swprs.org/der-propaganda-multiplikator/). Der Fokus der Studie lag auf der Übernahme von Meldungen von den internationalen Nachrichtenagenturen Reuters, AFP und AP sowie nationalen Agenturen wie DPA. Insgesamt wurden 381 Artikel untersucht. Die Ergebnisse:

  • 55 % Artikel waren reine Agenturmeldungen, 23 % waren Berichte, die auf Agenturmeldungen basierten, 9 % waren Hintergrundinformationen, 10 % Meinungen und Kommentare, 2 % Interviews und 0 % investigative Recherche.
  • Die Auswertung der Kommentare und Interviews ergab: 82 % der Beiträge waren grundsätzlich USA/NATO-freundlich, 16 % ausgewogen und 2 % überwiegend USA/NATO-kritisch.
  • Von denjenigen Artikeln, in denen Propaganda angesprochen wurde, bezichtigten 85 % Russland der Propaganda, 15 % waren neutral bzw. ausgewogen und 0 % sahen Propaganda auf der Seite von USA und NATO.

Ob in der Schule, im beruflichen Bereich oder unter Nationen: Wer die Ursachen, Motive und Antreiber eines Konflikt identifizieren will, der muss sich zumindest mit den Positionen aller Konfliktpartner auseinandersetzen. Wer nur auf eine Seite des Konflikts fokussiert, entfernt sich von der Wahrheit und wird unweigerlich zu einem Teil des Konflikts.

Fazit

Viele Bürger in Deutschland haben ein ungutes Gefühl hinsichtlich der steigenden globalen Durchschnittstemperatur, der immer häufiger auftretenden Weltwirtschaftskrisen, der steigenden Armut in den reichen Industrieländern, der internationalen Konflikte sowie der steigenden Rüstungsausgaben. Dass der Kapitalismus bzw. seine entgrenzte und deregulierte Form, der Neoliberalismus, eine große Rolle bei diesen existenzbedrohenden Problemen spielt und dass die USA sowie mittlerweile auch die NATO-Staaten die größten Kriegsverursacher und Treiber in den aktuellen internationalen Konflikten sind, kommt hingegen nur wenigen in den Sinn. Dafür sorgt eine vom Kapitalismus abhängige, von transatlantischen Netzwerken beeinflusste und die Sicht der Eliten begünstigende Berichterstattung fast des gesamten deutschen Medienmarkts. Mithilfe gezielter Manipulation und Desinformation der Medien über Selektion, Gewichtung der Informationen, Sprachwahl und Auswahl visueller Eindrücke (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Medienmanipulation, http://www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/pubs/Mausfeld_Die_Angst_der_Machteliten_vor_dem_Volk.pdf) werden tatsächliche Hintergründe und Zusammenhänge bewusst verschleiert.

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