Was mich antreibt

Ich bin in den 70er und 80er Jahren im Westen Deutschlands aufgewachsen. Quasi mit der Muttermilch habe ich aufgesogen, dass die so genannte westliche Wertegemeinschaft, bestehend aus den Vereinigten Staaten, Westeuropa sowie Verbündete wie Kanada, Australien und Japan, sich als der Motor für Fortschritt, Wissenschaft, Kultur und Wohlstand sowie als Hüter von Moral und Menschenrechten auf der Erde sieht. Von klein auf wurde mir beigebracht, dass wir die Guten sind und in der Welt da draußen lauter Schurken lauern. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse zog sich durch die Erziehung, den Schulunterricht, die Nachrichten und fand sich ganz besonders in Kino-Blockbustern und Fernsehserien wieder. Lange war ich davon überzeugt gewesen, dass die Vereinigten Staaten und Europa den anderen Ländern in der Welt nicht nur wirtschaftlich und technologisch, sondern auch moralisch weit überlegen sind.

Im Jahr 2012 unternahmen meine Frau und ich eine einjährige Auszeit von unserem Arbeitsalltag. Mit einem alten Wohnmobil reisten wir unter anderem durch die Länder Albanien, Griechenland, Ukraine, Russland, Kasachstan und Kirgistan. Da wir mit knappem Budget unterwegs waren, übernachteten wir fast ausschließlich in der freien Natur oder auf der Straße. Die Erfahrungen, die wir in diesen Ländern sammelten, standen zum Teil in einem erstaunlichen Gegensatz zu dem, was wir aus den öffentlichen Massenmedien über sie wussten.

Neben der großen Armut in Albanien, welches von Ländern der Europäischen Union quasi umschlossen ist, wurde uns dort bewusst, dass den übrigen Europäern vollkommen zu Unrecht die gelungene Koexistenz von Islam und Christentum in diesem, in der Mehrheit islamischen Land, unbekannt ist. Selbst interkonfessionelle Ehen haben in Albanien eine lange Tradition.

In Griechenland hatten wir über zwei Monate Kontakt zu einer Familie in unserem Alter, die Opfer der Eurokrise geworden war. Nicolas hatte seine Anstellung als Nahrungsmittelingenieur verloren, und seine Frau Éfi hatte als Kindergärtnerin fast die Hälfte ihres Gehalts eingebüßt. Wir erfuhren, dass das Arbeitslosengeld von 500 Euro, welches er erhielt, nach einem Jahr endete. Wir konnten hautnah miterleben, wie schnell und tiefgreifend eine Wirtschaftskrise den Alltag einer Durchschnittsfamilie in der Europäischen Union verschlechtern konnte.

Auf der Krim trafen wir am Strand auf zwei ukrainisch-russische Großfamilien, die dort jedes Jahr ihren Sommerurlaub gemeinsam verbrachten. Ein Familienmitglied, ein ehemaliger Raketeningenieur, teilte uns mit, wir sollten nicht glauben, was in der Presse über die ethnischen Konflikte zwischen Ukrainern und Russen verbreitet werden würde. Diese existierten in der Bevölkerung gar nicht, sondern seien das Ergebnis ausländischer Unterstützung rechtsradikaler Kräfte in dem Land. Uns war zu dem Zeitpunkt unserer Reise überhaupt nicht bewusst, dass in der Ukraine eine Krise herrschte. Erst deutlich später und nach einer intensiven Recherche ist mir klar geworden, dass wir Zeitzeugen einer westlichen Beeinflussung innerer Angelegenheiten der Ukraine geworden sind, die zwar faktisch nachweisbar ist, von den westlichen Mainstream-Medien jedoch schlichtweg unterschlagen wird.

Vor Russland hatten wir damals einen gehörigen Respekt. Aufgrund der Presseberichte über das Land hatten wir das Gefühl, in einen Unrechtsstaat einzureisen, in dem Mafia, Unterdrückung der Pressefreiheit, Homophobie und Polizeiwillkür herrschten. Wie erstaunt waren wir, ein hochentwickeltes, organisiertes Land mit einer reichen und offenen Kultur vorzufinden, die sich in den Großstädten auf den ersten Blick in nichts von der in westlichen Metropolen unterschied. Dazu trugen vor allen Dingen auch die vielen westlichen Automobile und Unternehmen bei, die man im Straßenbild sieht. Selbst in Westsibirien findet man Obi-Baumärkte und C&A-Filialen. Besonders lebhaft ist mir der Auftritt eines französischen Regisseurs auf einem Kulturfestival im Gorki-Park in Moskau in Erinnerung geblieben. Auf der Bühne forderte er lauthals die Freilassung der Pussy-Riots, die damals aufgrund eines provokanten Auftritts in einer Kirche zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Das größtenteils jugendliche Publikum jubelte. Dann forderte er auch die Freilassung von Michail Chodorkowski, doch daraufhin schwiegen die Zuschauer irritiert und betreten. Diese Reaktion hat mich so überrascht, dass ich im Nachgang mehr über den ehemaligen russischen Öl-Oligarchen herausfinden wollte. Denn auch bei mir hatte sich durch die westliche Berichterstattung der Eindruck gefestigt, bei Chodorkowki handelte es sich um einen politischen Gefangenen. Ich musste jedoch nicht nur feststellen, dass dieser Mann von sich selbst behauptet hatte, er sei ein „Räuberbaron“ und könne Parlamente sowie Wahlergebnisse kaufen, sondern auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte festgestellt, dass seine Inhaftierung nicht politisch motiviert gewesen war. Mittlerweile lebt er zwar seit seiner Begnadigung durch Putin in der Schweiz, wird jedoch erneut von der russischen Justiz wegen der Ermordung eines Bürgermeisters im Jahr 1998 verfolgt.

Neben Albanien haben wir auf der Reise mit Kasachstan und Kirgistan zwei weitere muslimische Länder besucht, in denen die vorherrschende Region weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick ersichtlich ist. An äußeren Merkmalen kann man den Islam nur an dem Vorhandensein von Moscheen statt Kirchen in größeren Städten erkennen. Doch weder tragen die Frauen eine sonderliche Kopfbedeckung, noch hört man in der Öffentlichkeit den Ruf des Muezzin zum Gebet. Die Menschen trinken offen Alkohol und an ihrem Verhalten ist nichts zu erkennen, was auch nur im Entferntesten in das Klischeebild des typischen Muslimen passt, das in Deutschland vorherrscht.

Diese Reiseerfahrung waren für mich die Initialzündung, an dem westlichen Selbstbild und an der westlichen Berichterstattung grundsätzlich zu zweifeln. Warum sorgen sich die Deutschen mehr um das Wohlergehen deutscher Banken und Anleger als um das griechische Volk, mit dem sie in einer Schicksalsgemeinschaft namens Europäische Union zusammenleben? Wieso wissen gerade die Deutschen oder Franzosen, in deren Mitte sich große muslimische Minderheiten befinden, nur wenig über ein europäisches Land wie Albanien, das als Vorbild für ein friedliches Miteinander zwischen Christen und Muslimen dienen könnte? Warum denken die Deutschen bei dem Wort Islam immer automatisch an Scharia, Burka und Terrorismus, obwohl es reihenweise muslimische Länder auf der Welt gibt, in denen die Religion weniger gesellschaftliche Bedeutung hat als das Christentum in einigen südlichen Regionen Deutschlands? Wieso wird Russland in den deutschen Mainstream-Medien als Schurkenstaat dargestellt, obwohl sich die beiden Länder nicht nur kulturell sehr nahe stehen, sondern auch die wirtschaftlichen Beziehungen hervorragend sind. Wissen die Deutschen überhaupt, dass Russland der wichtigste Öl- und Gaslieferant Deutschlands ist? Warum setzten sich Amnesty International sowie Spitzenpolitiker wie Angela Merkel, Hans-Dietrich Genscher und Guido Westerwelle für die Freilassung eines, selbst aus der Sicht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, überführten Verbrechers wie Michail Chodorkowski ein?

In der Folge beschäftigte ich mich intensiv mit den geostrategischen Zielen der Vereinigten Staaten von Amerika. Das erste Mal in meinem Leben erkannte ich ein Muster und die Zielsetzung hinter den zahlreichen Kriegen der USA, an denen sich neben Groß-Britannien mittlerweile auch andere europäische Länder wie Deutschland und Frankreich beteiligen. Das seltsame Verhalten einiger deutscher Spitzenpolitiker und der deutschen Medien gegenüber Russland wird nachvollziehbar, wenn man sich die intensive Einbindung von Politikern und Journalisten in zahlreiche transatlantische Lobbyorganisationen bewusst macht. Da ich nicht glaube, dass reine Böswilligkeit die Menschen dazu treibt, Kriege zu beginnen und sich gegenseitig auszubeuten, beschäftigte ich mich mit Volkswirtschaft und den Grundlagen unseres Wirtschafts- und Währungssystems. Ich wollte verstehen, wieso es überhaupt dazu kommen kann, dass einige wenige Menschen so viel Einfluss und Macht in einer Demokratie erhalten und ausüben können. Besonders getroffen hat mich die manipulative Berichterstattung der Leitmedien, die ich immer für unabhängig und für ein Korrektiv von Politik und Wirtschaft gehalten habe. Schaut man sich jedoch die Besitz- und Kontrollverhältnisse in der deutschen Medienlandschaft an, wird deutlich, dass allein deren Struktur eine unabhängige Berichterstattung nicht zulässt. Vergleicht man die Mainstream-Nachrichten über einen längeren Zeitraum mit den tatsächlich dahinterliegenden Fakten, tritt eine traurige Erkenntnis ans Tageslicht: Die westlichen Leitmedien sind nur das Instrument eines Informationskrieges, welcher bemüht ist, die geostrategischen Ziele der USA und Europas sowie ein aggressives und ungerechtes Wirtschafts- und Geldsystem zu rechtfertigen und deren negative Folgen zu verschleiern.

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